Autonomie des Individuums

Aus der Perspektive der Makro– und Mikro–Integration schauen wir uns die Beziehung des Individuums zu den ihn umgebenden Sozialsystemen an:
Das beschriebene differenzierte Geflecht aus Sozialsystemen und Netzwerken mit schwachen und starken Bindungen gründet sich letztlich auf das Engagement und die Kreativität der darin eingebetteten Akteure.

»Nebeneffekt« ihres Engagements ist, dass dieses Geflecht den Individuen ermöglicht, ihre Identität zu entwickeln und zu erhalten. Es stellt so etwas wie ein »Saatbeet« ihrer individuellen Autonomie dar.

Schwache Bindungen eröffnen den einzelnen Personen den Zugang zu Informationen und Ressourcen, die außerhalb seiner engen sozialen Zirkel liegen.

Starke Bindungen geben Sicherheit.

Sicherheit geben ihnen ihre starken Bindungen. Denn diese stabilen Relationen werden von den beteiligten Akteuren mit einer stärkeren Motivation versehen, die übrigen Netzwerkmitglieder zu unterstützen. So findet der Akteur hier stabilen Rückhalt und kann sich bedarfsweise schnell notwendige
Hilfe holen.

Schwache Bindungen haben durch die Entwicklung der Kommunikationstechnik in Bereichen wie Internet, Mobiltelefonie usw., durch Bürokratisierung, zunehmende Bevölkerungsdichte und die Ausbreitung von Geschäftsbeziehungen in den Industrieländern zunehmend größeren Einfluss.

Parallel nimmt hier tendenziell der Umfang der starken Bindungen ab.

Dabei haben unter anderem die veränderten familiären Lebensverhältnisse einen Einfluss:

Die Primärfamilien werden von Generation zu Generation kleiner, wodurch die Kontakte der Individuen immer weniger durch typische starke Bindungen absorbiert werden.

Bei all diesen Prozessen steht das Individuum im Mittelpunkt. Es übernimmt in vielen Bereichen der Gesellschaft eine zunehmend aktive Rolle bei der Gestaltung von Kommunikation.

Selbst bei der Betrachtung der Entwicklungen von kulturellen Errungenschaften unserer Gesellschaft, die wir als Konzeptioner ständig im Auge zu behalten haben, darf seine aktive Rolle nicht unterschätzt werden – etwa bei Trends in den Bereichen Mode, Meinungen, Wertvorstellungen sowie Lebensstile, Kunst– und Musikgeschmack usw.

Individuen übernehmen nicht einfach Kultur, Werte und Normen, aus den Sozialsystemen, denen sie angehören – auch nicht aus den hier präsenten Massenmedien. So eine Betrachtungsweise wäre allzu mechanistisch.

Individuen prägen Kultur.

Individuen suchen sich Kultur demgegenüber »eigenwillig« aus. Werte, Normen, Verhaltensweisen und Artefakte können beispielsweise nur insoweit eine Subkultur strukturieren, als Individuen sich als Bestandteile einer Gruppe sehen und als Mitglieder diese Dinge bewusst für sich wählen.

Anschauungsbeispiele liegen in der sich ständig erneuernden, besonders vielfältigen und heute breit gefächerten Jugendkultur moderner Gesellschaften.

Der Rückgriff auf Kultur durch den Akteur erfordert dessen aktives Wollen und insbesondere seine willentliche Identifikation mit anderen Akteuren, zu denen er Kontakte pflegt. Mit Hilfe von Kultur und dem Einsatz von Artefakten können wir individuelles Verhalten nicht einfach konditionieren.

Wir haben stattdessen im Detail zu studieren, in welchen sozialen Netzwerken sich Akteure bewegen, welchen Sozialsystemen sie angehören und wie sie ihre starken und schwachen Bindungen individuell managen.

Aus:
Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung; Band 1: Grundlagen – Kapitel 9 –
Praxeologie der Konzeptionstechnik: Das Management von Netzwerken
Seite 269-70

www.pedion-verlag.de

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