Empirische Wirtschafts–Anthropologie

Defektes ökonomisches Menschenbild

Empirische Befunde haben in der letzten Zeit das ökonomische Menschenbild
nicht nur ins Wanken, sondern zum Sturz gebracht. Trotz dieses Paradigmen–
Zusammenbruchs ist das widerlegte Menschenbild im Augenblick noch
fester Bestandteil vieler ökonomischer Theorien. Viele Ökonomen haben bisher
ignoriert, dass das von ihnen vertretene Konzept des reziproken Altruismus
nicht mehr aufrechterhalten werden kann.

Die zentrale Vorstellung hinter dem ökonomischen Menschenbild und seiner
Annahme, Menschen seien grundsätzlich selbstsüchtig und unfähig zum
Mitleiden mit ihren Mitmenschen, ist nachweislich falsch. Versuche mit Kleinkindern
beispielsweise deuten stattdessen darauf hin, dass es so etwas wie
spontanes altruistisches menschliches Verhalten gibt.

Auch was die angeblich dominierende nutzenmaximierende Rationalität
von Wirtschaftsakteuren angeht, irren sich viele Ökonomen. Die Untersuchungsergebnisse
etwa der ökonomischen Verhaltenswissenschaftenuntermauern stattdessen den Eindruck,
dass Geschäftsleute gar keine konsequentenNutzenmaximierer sind,
sondern sich nach dem Konzept des »Satificing« verhalten.

Was verbirgt sich hinter dem Stichwort des »Satificing«?

Der Begriff ist zusammengesetzt aus den Begriffen »to satisfy« – englisch:
befriedigen – und »to suffice« – englisch: genügen, reichen. Der Begriff Satificing
bezeichnet die Tendenz, sich mit der Befriedigung eines Bedürfnisses
zufrieden zu geben und nicht das optimale Ergebnis in einer Situation zu erwarten.

Satificing ist eine Entscheidungsfindungsstrategie, die darauf angelegt ist,
den Aufwand für die Suche nach einer Lösung bei der Kosten–Nutzen–Analyse
im Rahmen einer konkreten Handlung zu berücksichtigen. Das führt zu
einer neuen Sichtweise in Bezug auf Wirtschaftshandeln:

Die Grafik ist im Buch auf Seite 296 zu sehen.

Beschränkte Rationalität der Wirtschaft

Akteuren fehlt in Entscheidungssituationen häufig die Zeit oder der Zugang
zu Informationen oder zu den Ressourcen, die notwendig wären, um eine Gewinnmaximierung
überhaupt realisieren zu können. Außerdem wissen dieAkteure in der Regel nicht,
mit welcher Wahrscheinlichkeit das von ihnen angestrebte
Ziel erreicht werden kann; zudem sind häufig Kosten im vorhinein
nicht überschaubar und planbar.

Akteure müssen deshalb meist »nach Gefühl« vorgehen und »aus dem
Bauch« heraus handeln. Was sie dann wählen, ist die Handlungsalternative,
bei der sie annehmen können, dass sie den bestmöglichen Ausgleich von
Recherche–Aufwand, Planungsaufwand und möglichst geringer Verlustwahrscheinlichkeit
treffen.

Geschäftsleute warten in den seltensten Fällen so lange, bis ihr »Deal« zu den
absolut idealen Konditionen möglich wird. Sie greifen bei der »erstbesten«
Gelegenheit zu, mit dem Ziel ein »gutes« Geschäft zu machen – »gut« in dem
Sinne, dass es möglichst wenige Verlustrisiken mit sich bringt. Meist nehmen
sie es darüber hinaus auf sich, mit Geschäftspartnern zu feilschen und nochmals
Abstriche von einem theoretisch konstruierbaren idealen Abschluss zu
machen:

Geschäftsleute sind »Satisficer«.

Geschäftsleute sind in der Wirtschaftsrealität »Satisficer« und keine
»Maximierer«.

Bereits der bekannte isrealisch–US–amerikanische Psychologe und Verhaltensökonom
Daniel Kahneman, der im Jahr 2002 zusammen mit Vernon L. Smith den
Wirtschafts–Nobelpreis verliehen bekam, hat dazu beigetragen,
die Hauptannahmen der klassischen Wirtschafts–Anthropologie zu widerlegen:

Zusammen mit seinen Mitarbeitern konnte er in Untersuchungen zeigen,
dass Akteure normalerweise an ihren Besitztümern hängen und sich sogar
noch daran klammern, wenn diese ihre ursprüngliche Leistung, ihren Nutzen
nicht mehr erbringen, sondern sogar Kosten verursachen. Beispielsweise fanden
sie heraus, dass Aktienanleger dazu neigen, ihre Aktien noch zu halten,
wenn ihr Wert ins Fallen geraten ist und ein Verkauf längst geboten war.

Aus:
Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung;
Band 2: Mechanismen – Kapitel 10 –
Anthropologie der Konzeptionstechnik:
Motivation – Basis menschlicher Kommunikation

Seite 295-297

www.pedion-verlag.de

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