Handeln und System

Parsons› Systembegriff

Systeme sind reale Tatbestände.

Wir starten unsere Überlegungen bei dem uns bereits vertrauten Begriff des
Systems.

Im Umfeld einer Praxeologie drohen uns dabei allerdings zahlreiche »Stolpersteine«,
die wir zuerst aus dem Weg zu räumen haben:

Zur Verwendung unseres Systembegriffs sind einige Bemerkungen notwendig.
Denn wir haben im Rahmen unserer ontologischen Überlegungen
festgehalten, dass wir einen wissenschaftlichen Realismus verfolgen.

Wir verwendenden System–Begriff deshalb zur Beschreibung real existierender Dinge.
Das ist durchaus nicht selbstverständlich und wird gerade im Bereich von
Handlungstheorien von vielen Autoren anders gehandhabt. Hiervon distanzieren
wir uns deutlich.

So etwa von dem Systembegriff, wie ihn der Harvard–Professor und einflussreiche
soziologische Systemtheoretiker Talcott Parsons (1904 – 1979), in
den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts geprägt hat. Seine Systeme sind
theoretische Konstrukte und keine in der Wirklichkeit existierenden Dinge.

Durch den Philosophen Alfred North Whitehead beeinflusst, verfolgte
Parsons eine idealistische Ontologie. Er benutzte den Systembegriff als Bezeichnung
für eine »Seinsstruktur«, welche allen Dingen eine transzendentale
und universelle Gegliedertheit verleiht. »System–Wirklichkeit« und »System–Theorie«
werden im Rahmen dieser Art von System–Ontologie nicht mehr
auseinandergehalten. Bei Parsons erscheint jedes System, ob Gesellschaftssystem,
Wirtschaftssystem, biologisches System usw. stets nach Maßgabe
des von ihm definierten idealen Strukturmusters in jeweils vier Untersysteme
aufgeteilte Entität.

Der Verwender des Parsonsschen Systembegriffs hat beim Versuch der Anwendung
auf die Realität stets das Problem, sich auszudenken, was die jeweils
vier vorgeschriebenen Subsysteme eines Systems sein könnten. Springen
ihm die geforderten vier Systeme nicht spontan ins Auge, muss er sich – hat er
etwa nur zwei oder drei gefunden – weitere »Strukturen« ausdenken. Hat er zu
viele Subsysteme gefunden, die ihm bedeutsam erscheinen, – etwa fünf oder
sechs oder noch mehr –, muss er »kreativ« Subsysteme entweder gedanklich
zusammenlegen oder das eine oder andere »unter den Tisch« fallen lassen.

Weiterhin wird jedem dieser Subsysteme von Parsons unabhängig von jeder
empirischen Untersuchung – a priori – eine spezifische Funktion bei der
Erhaltungdes Gesamtsystems zugesprochen. Parsons spricht damit jedem
System von vornherein nicht nur eine typische Gegliedertheit, sondern auch
die Tendenz zu, ein Gleichgewicht zu halten, seinen Bestand zu sichern und
feste Grenzen nach außen zu ziehen.

Solche Vorstellungen von einer universellen »Präformiertheit« von Systemen
lehnen wir hier ab. Welche Struktur ein reales System aufweist und welche
Funktionen Systeme haben oder welche Mechanismen in ihnen ablaufen,
lässt sich nur anhand von empirischen Untersuchungen feststellen.
An dieser Stelle ist es wichtig, die Verwendung des Begriffs der »Struktur«
grundsätzlich zu erläutern. Wir sind zwar bereits beim Ontologie–Thema darauf
eingegangen. Doch wir wollen unsere Vorstellung davon noch einmal
verdeutlichen, denn der Begriff – wird etwa in der Soziologie – häufig missbräuchlich
»verdinglicht« – beispielsweise wenn Organisationen oder Institutionen
als »Strukturen« bezeichnet werden. Entsprechend findet sich auch in
der Biologie die Sprechweise, Organismen wären »Strukturen«.

Struktur ist eine Eigenschaft von Dingen.

Strukturen sind Eigenschaften von Dingen; Dinge haben eine bestimmte
Struktur – beispielsweise eine strukturierte Oberfläche. Es gibt also keine
Struktur ohne ein Ding, keine »Struktur an sich«. Würden wir ein Kommunikationssystem
als »Struktur« bezeichnen, bekämen wir es bald mit so sinnlosen
Sätzen wie »diese Struktur (gemeint ist das Kommunikationssystem) hat eine
Struktur« zu tun. Deshalb benutzen wir den Strukturbegriff im Rahmen unserer
Praxeologie ausdrücklich als Begriff zur Bezeichnung von Eigenschaften
von Systemen.

Aus:
Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung;
Band 1: Grundlagen – Kapitel 9 –
Praxeologie der Konzeptionstechnik:
Das Management von Netzwerken

Seite 247-8

www.pedion-verlag.de

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