Inkonsistente Bewusstseinslage im PR–Lager

Durchaus selbstbewusst hört sich das an, wenn PR–Experten und –Dozenten
auf diese Weise für Public Relations eine Führungsrolle im Management beanspruchen.
Dass diese durch erhöhte Kompetenz zu verdienen ist, geben PR–
Autoren in den USA, dem »Mutterland« der Public Relations, freimütig zu.

Sie zeigen auf, dass die PR im Augenblick außerhalb der eigenen Profession kaum
über das notwendige Image verfügen, um die notwendige Führungsposition
beanspruchen zu können.

In ihrem Buch »Strategic Public Relations Management« verweisen die
Autoren Erica Weintraub Austin und Bruce E. Pinkleton in diesem Zusammenhang
auf aussagekräftige Untersuchungen. Im Jahr 1998 erbrachte eine
interne Befragung der New Yorker Sektion des amerikanischen Berufsverbands,
der »Public Relations Society of America«, dass 92% der an der Studie
teilnehmenden PR–Fachleute glauben, die meisten ihrer Ansprechpartner außerhalb
der eigenen Profession verständen kaum, was Public Relations überhaupt
wären.

Schlechtes Image von PR–Professionals

Schlimmer noch: PR–Experten leiden unter einer niedrigen Glaubwürdigkeit
im gesellschaftlichen Umfeld. Dieselbe Studie ergab nämlich, dass 93 %
der Befragten ihren Beruf schätzen und dass dennoch 67% glauben, die PR–
Branche genieße in der Gesellschaft ein schlechtes Image. 67% der Befragten
spürten beispielsweise, dass sie von Mitgliedern anderer Professionen nicht
respektiert werden.

Dass diese Untersuchungsergebnisse und die Darstellung von Weintraub
Austin und Pinkleton die PR–Realität korrekt widerspiegeln, müssen auch außerhalb
der USA PR–Leute leidvoll zugeben, wenn sie ihren Beratungsalltag
Revue passieren lassen. Wer beispielsweise einmal an einem Investor Relations–
Projekt – etwa einer Börseneinführung – teilgenommen hat, weiß, auf
welchem schwachen Fundament die PR konzeptionell steht, wenn es gilt, sich
gegen Vorstände, Investmentbanker, Unternehmensberater und nicht zuletzt
gegenüber Juristen fachlich durchzusetzen. Dem PR–Mann wird in dieser
Runde kaum entscheidungsrelevante Fachkompetenz zugetraut.
Das hier umrissene Szenario verdeutlicht, in welcher spannungsvollen,
weil inkonsistenten Situation PR–Leute heute arbeiten:

Sie wissen, dass sie in Zukunft laufend zunehmenden Herausforderungen
gewachsen sein müssen, um sozialpolitische Problemsituationen zu bewältigen.
Dass sie, um dies zu erreichen, eine gestaltende und führende Rolle
im Management zukünftiger Wirtschaftsunternehmen und in Institutionen
spielen müssen, ist ihnen ebenfalls bewusst. Gleichzeitig ist ihnen deutlich,
dass sie zumindest im Augenblick noch mit großem Misstrauen beobachtet
werden und ihnen die erforderliche Gestalterrolle keineswegs zugetraut wird.

Was PR–Praktikern grundlegend fehlt, sind überzeugende Belege ihrer angeblichen
Kompetenz bei der Mitgestaltung der Zukunft von Organisationen.

Aus:
Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung;
Band 1: Grundlagen – Kapitel 1, S. 27-9
Neustart dringend erforderlich:
Konzeptionstechnik im Umbruch
Erschienen im: Pedion Verlag, Neuss
www.pedion-verlag.de

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