Das Modell der »klassischen Wirtschafts–Anthropologie«

Grundkonzept ist eine Theorie rationaler Entscheidungen, die nicht nur in
der Ökonomie, sondern auch im Bereich gewisser soziologischer Theorien
verbreitet ist. Diese Ansätze schreiben den Handelnden bzw. den Akteuren
die Kompetenz des rationalen Handelns zu. Individuen verfügten über die
Fähigkeit und die Intention, ihren Nutzen möglichst weitgehend zu maximieren
und Handlungskosten zu minimieren. Nutzenmaximierung und Kostenminimierung
erscheinen Wirtschaftstheoretikern als Kern der menschlichen
»Handlungslogik«.

Von dieser Grundannahme des unvermeidbaren Strebens nach Gewinnmaximierung
und Kostenminimierung ausgehend, entwickeln sie mathematische
Handlungsmodelle und leiten aus diesen Erklärungen und Prognosen
für Wirtschaftsprozesse ab.

Die »Untersozialisierung« des dabei zum Tragen kommenden Menschenbildes
zeigt sich deutlich an dem Umstand, dass im Rahmen dieses Konzepts
jeder Akteur Ich–fokussiert ist und keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer
zu nehmen scheint.

Prinzip des »quid pro quo«

Zwar kommen im Modell der klassischen Wirtschaftsökonomie durchaus
die Interessen anderer Personen vor. Allerdings lediglich als »quid pro quo«,
als »dieses für das«, also als ein Verhalten nach dem Motto: »Ich gebe Dir, damit
Du mir gibst!« oder bildlich gesprochen: »Ich kratze Deinen Rücken, wenn
auch Du mir meinen Rücken kratzt!«, was als »reziproker Altruismus« bezeichnet
wird.

Ein »reziproker Altruismus« ist deutlich kein »echter« Altruismus, keine
Form von »Selbstlosigkeit«. Selbstlosigkeit oder »genuiner Altruismus« setzt moralische
Gefühle wie Empathie, Sympathie und eine Form von Rücksichtnahme
voraus, die nicht schon wieder auf einen eigenen Vorteil abzielt.
Es ist durchaus nicht so, dass wir das ökonomische Menschenbild deshalb
kritisierten, weil es unser Selbstgefühl verletzte – weil es uns etwa beleidigt,
als unveränderbar egoistisch dargestellt zu werden. An diesem Menschenbild
stört aber am meisten, dass es grundlegend mit der Realität kollidiert.

Auf der Basis dieses Modells kann nicht erklärt werden, wie soziale Ordnung
oder eine Marktordnung zustande kommt. Denn offenbar wird vorausgesetzt,
jeder Wirtschaftsakteur denke nur an seinen eigenen Vorteil und
nicht an die Bedürfnisse anderer Personen oder gar an soziale Interessen einer
übergeordneten Gemeinschaft.

Aus diesem Grund greifen Wirtschaftstheoretiker zur Konstruktion von ökonomischen
Gesetzen, die das »Wunder der Ordnung« angesichts eines realen
Interessenchaos ohne menschliches Zutun – quasi automatisch– zustande
bringen (etwa per »unsichtbarer Hand«).

Die wesentliche Kritik am ökonomischen Menschenbild fußt auf den Ergebnissen
empirischer Untersuchungen und Beobachtungen, die zeigen,
dass Akteure weder so rational noch so egoistisch sind, wie es das anthropologische
Modell der klassischen Ökonomie voraussetzt.

Aus:
Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung;
Band 2: Mechanismen – Kapitel 10 –
Anthropologie der Konzeptionstechnik:
Motivation – Basis menschlicher Kommunikation

Seite 293-95

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