Im Beitrag „‚Starke‘ Kommunikation braucht ’schwache‘ Bindungen!“ habe ich bereits auf die Netzwerk-Theorie für die Kommunikationspraxis hingewiesen. Da diese Theorie für unsere Arbeit wichtig und für unsere Analysen erhellend ist, werde ich den Ansatz dahinter im Detail vorstellen.

Dabei folge ich weiter den Forschungsergebnissen, die der amerikanische Wirtschafts-Soziologe Mark S. Granovetter vorgelegt hat.

 

Starke und schwache Bindungen

Im Zusammenhang mit der Untersuchung der umfassenden Eingebettetheit von Wirtschaftsakteuren in soziale Netzwerke hat Granovetter die Unterscheidung von sogenannten „schwachen Bindungen“ („weak ties“) und „starken Bindungen“ („strong ties“) eingeführt.

Granovetter unterscheidet auf der einen Seite enge Netzwerke mit starken Verbindungen, die wir zu Verwandten, zu Ehepartnern, zu Arbeitskollegen am Arbeitsplatz, zu engen Freunden usw. haben. Diese engen Netzwerke differenziert er von Systemen, die durch losere Beziehungen geprägt sind, wie Netzwerke zu entfernteren Bekannten, etwa bei losen Kontakten im Geschäftsleben, bei regelmäßigen Besuchen von Foren im Internet, von Freizeitstätten, gastronomischen Lokalitäten, Raucherclubs usw.

Granovetters Theorie setzt voraus, dass individuelle Akteure über eine mehr oder weniger große Menge enger Kontakte zu Personen verfügen, die untereinander in enger Verbindung stehen und für den Einzelnen eine engmaschige Sozialstruktur realisieren. – Dazu ein Beispiel: Ein Akteur hat einen Kreis von Verwandten um sich, den er regelmäßig sieht. Diese Verwandten kennen seine besten Freunde, seine wichtigsten Arbeitskollegen und seine/n Lebenspartner/in usw.

Granovetter geht weiter davon aus, dass der Akteur neben diesem festen Netzwerk Beziehungen zu einer Menge von Bekannten hat, die sich untereinander kaum oder gar nicht kennen, weil die dazu erforderlichen Kontaktmöglichkeiten fehlen und weil diese Bekannten in weit voneinander entfernten Sozialsystemen positioniert sind.

Zum Beispiel trifft ein Akteur vielleicht am Nachmittag in einem Internetforum Personen im außereuropäischen Ausland anlässlich des wiederholten Austauschs über das Thema „Internetdesign mit Cascading Style Sheets“ und diskutiert abends nach dem Essen im Raucherzimmer zum wiederholten Mal mit dem Wirt seines Lieblingsrestaurants über die angebliche Diskriminierung von Zigarrenrauchern.

 

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Schwache Bindungen ermöglichen Brücken.

Der besondere Witz der Theorie von Granovetter ist nun, dass er den Netzwerken mit den schwachen Verknüpfungen zwischen dem Akteur und seinen Kontakten („weak ties“) eine besonders wichtige Leistung zuspricht. Er betrachtet diese Netzwerke als wesentliche Brücken zwischen den häufig monolithisch positionierten eng geknüpften, durch starke Bindungen gekennzeichneten Netzwerken.

Nach seiner Ansicht würde es zwischen eng gewobenen Systemen kaum Verbindungen geben, kämen diese nicht durch die Existenz der Netzwerke mit flexibleren schwachen Verbindungen zustande. Auf diese Weise realisieren lose geknüpfte Netzwerke eine wichtige übergeordnete spezifische Funktion, nämlich die Funktion der Verbindung anderer Systeme, die über eine engmaschige Struktur verfügen und dadurch die Tendenz haben, eine für Außenstehende schwer erreichbare Endostruktur zu bilden.

Granovetter nimmt an, dass Individuen, die über zu wenige schwache Verbindungen verfügen, von Beziehungen zu wichtigen Sozialsystemen abgeschnitten sind, weil sich ihr eigenes Netzwerk zu stark nach außen hin abschließt. So werden Akteure in starken Bindungen von Informationen außerhalb ihres Netzwerkes häufig ausgeschlossen. Sie sind mit Blick auf ihr Informationspotenzial beschränkt auf die provinziellen Neuigkeiten und Sichtweisen ihrer engen Kontakte.

Darüber hinaus beobachtet Granovetter etwa im Wirtschaftsleben, dass das Fehlen schwacher Verbindungen Akteure in stark geknüpften Netzwerken von neuesten Ideen und Moden abtrennt. Beispielsweise sind Akteure, die einen neuen Arbeitsplatz suchen, in einer unvorteilhaften Lage, wenn sie bedingt durch ihren verengten Beziehungshorizont nicht frühzeitig mitbekommen, wo sich passende Jobs auftun.

 

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Schwache Bindungen begünstigen Innovationen.

Fehlende schwache Bindungen verhindern sogar Innovationen, wenn durch starke Bindungen Kommunikationswege verengt oder versperrt sind:

Gehen wir davon aus, dass Bewegungen, sozialer Wandel, Meinungstrends häufig zunächst im Bereich enger Bekannte und Freunde entstehen, dann hätte das Fehlen von Systemen mit schwachen Bindungen einen hemmenden Einfluss auf die Zukunft neuer Entwicklungen. Ein Trend kann sich nicht selbst fortpflanzen und in die Umgebung und in andere Sozialsysteme wandern. Grundlegend neue Ideen werden nur langsam weitergegeben, wissenschaftliche Errungenschaften werden so behindert.

Ideologien haben einen starken Einfluss auf die Kommunikationskompetenz von in Sozialsystemen eingebetteten Personen. Besonders Sozialsysteme, die sich durch enge ethnische Zugehörigkeit oder durch Religionsausübung nach außen abkapseln, schirmen Akteure von einem lebendigen Austausch mit anderen Sozialsystemen ab.

Überhaupt lässt sich aufgrund der Theorie schwacher und starker Bindungen vermuten, dass Sozialsysteme, die wenig Kontakt zu Netzwerken mit schwachen Verbindungen haben, dazu neigen, sozial zu fragmentieren. Das heißt, dass sie Gefahr laufen, aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang der Gesamtheit gesellschaftlicher Subsysteme herauszufallen und sich zu isolieren.

 

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(Zum Betrachten der Details auf das Bild klicken!)

 

Erklärungsansatz für den „arabischen Frühling“ im Jahr 2011


In der nächsten Woche werde ich in einem Folgebeitrag zeigen, wie Granovetters Theorie dazu genutzt werden kann, die Ausbreitung der „arabischen Frühlings“ zu beschreiben und zu analysieren.
Im Einzelnen wird durch den Ansatz starker und schwacher Bindungen deutlich, warum die Nutzung Social Media eine große Rolle bei der Ausbreitung der beobachtbaren sozialen Prozesse spielten.

Quellen:

  • Droste, Heinz W.; Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung. Band 1: Grundlagen/Studienausgabe, Neuss: S. 243 – 78
  • Granovetter, Mark S.; „The Strength of Weak Ties“; in: American Journal of Sociology, Volume 78, Issue 6, November 1973; S. 1360-80.
  • Granovetter, Mark S.; „The Strength of Weak Ties: A Network Theory Revisited“; in: Sociological Theory, Volume 1 (1983: hg. v. American Sociological Association); S. 201-33
  • Granovetter, Mark S.; „Economic Action and Social Structure: The Problem of Embeddedness“; in: American Journal of Sociology, Volume 91, Issue 3, November 1985; S. 481-510
  • Granovetter, Mark S.; „Business Groups“; in: Smelser, Neil J.; Richard Swedberg (Hg.); The Handbook of Economic Sociology; Princeton, New Jersey/New York 1994; S. 453-75

 

Literaturempfehlung:

 

 

Band 1: Grundlagen

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