Praxeologischer Systembegriff

Nun sind wir so weit: Wir starten mit der Integration des Systembegriffs in unserem
Praxeologie–Entwurf.

Zwei oder mehr Dinge bilden dann ein System, wenn sie in einer Beziehung
stehen, wenn sie also verbunden, verknüpft, gekoppelt usw. sind. Das bedeutet,
wir können nur dann von einem System sprechen, wenn mindestens eines
dieser beiden (oder zahlreicheren) Dinge in Bezug auf das andere (die anderen)
eine Handlung ausführt (ausführen).

Daraus ergibt sich, dass Dinge, die lediglich in einer Relation zueinander stehen,
kein System bilden. Das gilt etwa in dem Fall, dass sie lediglich in örtlichem
oder zeitlichem Bezug stehen – wenn Dinge links und rechts nebeneinander
stehen oder in zeitlicher Nachbarschaft, etwa gleichzeitig, existieren. Wir sprechen
dann zwar von räumlicher oder zeitlicher »Beziehung«. Aber es liegen
keine wirklichen Bindungen zwischen den Dingen vor. Diese Dinge stehen
lediglich in »nicht–bindender Relation«.

Dies im Auge zu behalten, ist wichtig, weil dieser Unterschied häufig übersehen
wird und es dadurch zur Fehlinterpretation von Aussagen kommen
kann.

Nicht–bindende Relationen sind keine Beziehungen.

Wenn zum Beispiel in Statistiken von »jugendlichen Internetsurfern in
Deutschland im Jahre 2010« gesprochen wird, dann bilden diese Internetsurfer
keine Gesamtheit im Sinne eines Systems. Die Gruppe der angesprochenen
Jugendlichen besteht aus Personen, die in örtlicher und zeitlicher
sowie lebenszeitlicher Relation stehen und in ihrer Freizeit im Internet surfen.
Sie können also aufgrund der definierten Relation gemeinschaftlich keine
Wirkungen ausüben, weil sie aufgrund ihrer Relation allein keine aktive Beziehung
zueinander haben und kein System bilden.

Demgegenüber ist ein System eine kohäsive bzw. integrierte Ganzheit.
Denn die einzelnen Dinge X und Y bilden definitionsgemäß ein System, wenn
zwischen ihnen eine verknüpfende oder bindende Relation insoweit besteht,
dass sich der Zustand von Y dadurch ändert, dass die Beziehung zu X hergestellt
wird. Aufgrund einer nicht–bindenden Relation (Beispiel: räumliche
Nähe) ergibt sich also kein System.
Allerdings kann ein System existieren bzw. eine bindende Beziehung
zwischen Teilen vorliegen, wenn diese räumlich weit auseinander liegen.

Eine internationale Kommunikationsagentur beispielsweise kann ein System
bilden, indem ihre Mitarbeiter in verschiedenen Ländern und Tochtergesellschaften
zueinander Beziehungen per Internet, Telefon, Post usw. aufrechterhalten
und sich regelmäßig gegenseitig besuchen.

Weiterhin gilt auch, dass nicht alle komplexen Dinge Systeme sind. Eine
Menschenansammlung, gebildet durch Neugierige an einer Unfallstelle in einer
Fußgängerzone, ist kein System, sondern stellt lediglich ein Aggregat von
Einzelpersonen dar.

Nun betrachten wir einige wesentliche Eigenschaften von Systemen:
Die Bindekraft eines Systems hängt von der Stärke der Bindungen zwischen
seinen Teilen ab. Wenn diese Bindungen mehrheitlich kurzlebig sind, so ist
auch das korrespondierende System kurzlebig.

Ein System, das aus menschlichen Individuen und den Artefakten zusammengesetzt
ist, die jene nutzen, um eine Beziehung zueinander aufrecht zu
erhalten und um miteinander zu kommunizieren, wird als Sozialsystem bezeichnet.
Solche sozialen Systeme entstehen, wandeln sich und brechen zusammen,
wenn sich die Bindungen, die sozialen Beziehungen und Interaktionen von
Individuen darin ändern. Auf diese Weise basieren Merkmale sozialer Systeme
auf der Beschaffenheit, der Stärke und Variabilität sozialer Beziehungen, die
durch soziale Handlungen von Individuen aufrechterhalten werden.
Einige Eigenschaften von Sozialsystemen sind emergent. Das heißt, sie sind
nicht Eigenschaften der einzelnen Komponenten des Systems. Ihr Auftreten
ist stattdessen Ergebnis der Interaktionen dieser Komponenten – etwa der
Kommunikation der beteiligten Individuen. Verändert sich die Beziehung der
Individuen können diese emergenten Eigenschaften ändern oder wieder
verschwinden – submergieren.

Während atomistisch/individualistische Theoretiker das Vorkommen von
Emergenz leugnen, behaupten holistisch/kollektivistische Theoretiker wie
oben gesehen, Emergenz wäre nicht analysier– oder erklärbar.

Wir dagegen nehmen an, dass Emergenz sich mit Blick auf das soziale Handeln
der beteiligten Individuen erklären lässt. So ist ein Sozialsystem stabil,
wenn die Kooperation und die sozialen Bindungen seiner Komponenten stärker
sind, als die Konflikte zwischen den beteiligten Akteuren.

Aus:
Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung;
Band 1: Grundlagen – Kapitel 9 –
Praxeologie der Konzeptionstechnik:
Das Management von Netzwerken

Seite 248-50

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