Systemgrenzen

Wie bereits erläutert, nehmen wir nicht a priori an, dass reale Systeme eine
grundsätzliche Tendenz zur Grenzerhaltung haben.

Kommunikationssysteme sind gestaltlos.

Viele Sozialsysteme haben weder eine Gestalt noch eine Oberfläche, auch
wenn sie hierarchisch ineinander geschachtelt sind. Sie ähneln in dieser Be-
ziehung beispielsweise dem Wasserstoffatom, das ebenfalls weder über eine
klare Form noch über eine deutliche Struktur verfügt und »diffus–verschmiert«
erscheint. Entsprechend haben Sozial– und Kommunikationssysteme wie
eine PR–Abteilung, eine Zeitungsredaktion oder ein Produktionsbetrieb weder
eine geometrische Form noch eine Oberfläche.

Wir müssen zu besonderen Modellen greifen, um uns ein solches Sozialsystem
und seine Grenzziehung nach außen vorzustellen und zu illustrieren
(siehe entsprechende grafische Darstellungen in Kapitel 16 des Buches).

Dazu ein Beispiel:

Wie in Kapitel 5 bereits diskutiert, sind Systeme durch ihre Verbindungen
und Verknüpfungen nach außen und nach innen strukturiert. Es gibt Beziehungen
zwischen den Komponenten im Inneren des Systems und Beziehungen
mit Entitäten in der Umgebung des Systems.

Die Strukturierung im Inneren bezeichnen wir wie gesehen als Endostruktur
(Innenstruktur) und die Strukturierung durch die Beziehungen nach außen
als Exostruktur (Außenstruktur).

Wenn wir uns nun Systemgrenzen vorstellen, müssen wir uns von dem
Gedanken lösen, es gäbe hier so etwas wie eine Grenzmauer oder eine nach
außen abschließende Schicht. Statt dessen sollten wir uns Folgendes klar
machen:

Systeme haben über einige ihrer Systemteile Kontakt nach außen. Systeme
stellen durch diese Komponenten ihre Beziehung zur Umgebung her. Diese
Systemteile mit bindenden Außenbeziehungen stellen damit die Exostruktur
des Systems dar.

Kommunikationssysteme haben keine »Außengrenze«.

Der Kontakt zur »Außenwelt«, die Grenzziehung nach außen, ist im Fall
von Sozial– und Kommunikationssystemen damit ganz anders beschaffen, als
eine physische Grenze:

Personen können nämlich gleichzeitig mitten drin sein in der Struktur eines
Systems und gleichzeitig den wichtigsten Kontakt zu einem Umgebungssystem
– also nach draußen – bilden.

Genauso kann es auch Personen geben, die lediglich in die innere Struktur
– in die Endostruktur – eines Systems einbezogen sind, keinen Kontakt zu den
Umgebungen herstellen und so das Innere des Systems bilden.

Weiterhin gibt es hohle Systeme – also Systeme, bei denen alle Komponenten
direkte Verknüpfungen zu Umgebungsgegenständen herstellen. Ein
Beispiel für diesen Fall ist eine PR–Abteilung, in der alle Mitarbeiter regelmäßig
Kontakte zu Redaktionen, Verbänden usw. haben.

Kommunikationssysteme verfügen offenbar in der Regel über eine Vielfalt
an Grenzen, die durch die Interaktionen ihrer Systemkomponenten mit
Dingen in den verschiedenen Umgebungssystemen gebildet werden, ohne
dabei über eine »Grenzschicht« zu verfügen.

Dagegen sind Organismen Beispiele für Systeme mit einer gegenüber der
Außenwelt deutlich ausgeprägten Grenzschicht – etwa einer »Außenhaut«.

Aus:
Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung;
Band 1: Grundlagen – Kapitel 9 –
Praxeologie der Konzeptionstechnik:
Das Management von Netzwerken

Seite 250-2

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