Wissenschaft wächst aus Alltagswissen

In der PR–Literatur ist der Wissenschaftsbegriff häufig anzutreffen, ohne dabei allerdings so klar und deutlich definiert zu werden, wie wir ihn jetzt für unsere Überlegungen benötigen. Deshalb müssen wir uns zumindest kurz und konzentriert mit den Besonderheiten des empirisch–wissenschaftlichen Vorgehens auseinandersetzen. An dieser Stelle greifen wir wiederum beispielhafte Analysen auf, die von dem Wissenschaftstheoretiker Mario Bunge vorgelegt wurden.

Die Besonderheiten wissenschaftlichen Arbeitens

Zunächst benötigen wir eine »metawissenschaftliche« Position, von der aus wir über Ziele und Reichweite wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens reflektieren können.

Es gibt unterschiedliche Ansätze, um in diesem Sinne »metascience«, Metawissenschaft, zu betreiben.

Im ersten Schritt können wir empirische Wissenschaften sozusagen von außen als »Wissenschaftsbetrieb« betrachten: Dabei interessieren uns zunächst nicht die eigentlichen inhaltlichen Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens, sondern es geht uns um die »äußerlichen« Umstände, unter denen wissenschaftliche Arbeit stattfindet.

Hierher gehören unter anderem die Ergebnisse der Wissenschafts–Psychologie. Sie betrachtet den Forscher bei seiner Arbeit, analysiert die psychischen Prozesse und Kognitionen, die zum Beispiel wichtige Rollen spielen, wenn er Hypothesen entwickelt. Weiterhin gehört die Wissenschafts–Soziologie hierher, die den sozialen Kontext betrachtet, in dem Forschung abläuft.
Bereits diese beiden Blickrichtungen zeigen, wie unterschiedlich Wissenschaftsbetrieb und Konzeptionsarbeit jeweils angelegt sind. Die Arbeit des Konzeptioners ist im Unterschied zu der des Forschers nicht auf die Ermittlung von Wissen oder auf das Schließen von Wissenslücken fokussiert. Wissenschafts–Psychologie ist auf Konzeptionsarbeit nicht sinnvoll anwendbar.

Konzeptioner verstehen sich in erster Linie als Dienstleister mit spezifischen beraterischen und planerischen Kompetenzen. Betrachten wir ihre Arbeit aus dem Blickwinkel der Psychologie, so sehen wir Individuen in Berater–Klienten–Konstellationen und erkennen kognitive Prozesse, die typisch sind für Personen, die in Dienstleistungs–Kontexten arbeiten.

Die kulturellen Werte empirischer Wissenschaft

Aus dem Blickwinkel der Soziologie betrachtet, zeigt sich weiterhin, dass die PR–Konzeption in einem wesentlich anderen gesellschaftlichen Kontext positioniert ist als wissenschaftliche Forschung. Die Arbeit von Konzeptionern ist meist ökonomisch relevant und läuft in sozioökonomischen Beziehungen ab. Während Wissenschaft an »kulturellen« Werten wie etwa »Wahrheit« und »methodisch–formaler Korrektheit« orientiert ist, haben für den Konzeptioner in erster Linie ökonomisch relevante Standards wie »Effizienz« und »Effektivität « Bedeutung.

Die Betrachtung des wissenschaftlichen Arbeitens und der daraus resultierenden »Inhalte« zeigt noch wesentlich weitergehende Besonderheiten auf. Schauen wir dazu auf den typischen wissenschaftlichen Forschungsprozess sowie auf die Struktur wissenschaftlicher Diskurse und deren Voraussetzungen:
Wissenschaftliches Arbeiten setzt typischerweise allerlei Grundannahmen voraus, die von der so genannten Wissenschaftsphilosophie untersucht werden. Das sind die Basisannahmen und theoretischen Grundpositionen, an denen die empirischen Wissenschaften anknüpfen, ohne sie wiederum durch empirische Forschung untersuchen oder gar verifizieren zu können. Diese betreffen unter anderem »Ontologie« – die Theorie von der Grundstruktur der Realität –, »Epistemologie« – die Erkenntnistheorie – und die »Methodologie«, auf die wir bereits im letzten Kapitel beim Thema »Approaches« gestoßen
sind.

An dieser Stelle brauchen wir uns mit diesen komplexen wissenschaftstheoretischen Themenfelder nicht im Detail auseinanderzusetzen. Wir beschränken uns hier auf ein paar erkenntnistheoretische Gedanken, um deutlich zu machen, wie weit das »aufgeklärte« Alltagsdenken und das Versuch–Irrtum–Lernen heutiger Konzeptionstechnik von wissenschaftlicher Arbeit entfernt sind.

Alltagsdenken besteht typischerweise aus der Akkumulation von lediglich lose verbundenen Einzelinformationen. Die typische Stringenz wissenschaftlicher Wissensressourcen fehlt ihm also.

Vernunft in Alltag und Wissenschaft

Worin sich Alltagsdenken und wissenschaftliches Denken allerdings nicht unterscheiden, ist die Tatsache, dass sich ihre Verwender jeweils um Rationalität und Objektivität bemühen. Akteure sowohl in Alltagssituationen als auch in Forschungsinstitutionen sind vernunftorientiert, bemühen sich also um die Vermeidung von Irrtümern. Sie versuchen, die zu ihrer Situation passenden Fakten zusammenzubekommen, statt sich etwa wilder Spekulation hinzugeben. Allerdings kann Alltagsdenken dennoch nur begrenzte Objektivität erreichen. Alltagsdenken ist im Unterschied zu den empirischen Wissenschaften eng an Sinneswahrnehmungen und Handlungsvollzügen gebunden.

Allerlei Mythen, »Faustregeln«, »Kniffe«, die häufig in Form widersprüchlicher Spruchweisheiten vorgehalten werden, haben erkenntnis– und aktionsleitende Funktion:

Mal heißt es: »Vertraue nicht auf Dein Gefühl!«, obwohl bei anderer Gelegenheit der Spruch: »Der erste Eindruck ist entscheidend!« zu passen scheint, mal gilt: »Lügen haben kurze Beine!« und ein andermal »Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist!«,

hier heißt es: »Guter Rat ist teuer!« und dort: »Das Teuerste ist nicht immer das Beste!« usw.

Wissenschaftliche Forschung setzt meist da an, wo das Alltagswissen sich keinen stimmigen »Reim« mehr auf die Dinge der Realität machen kann. Sie beginnt mit der Einsicht, dass das verfügbare Wissen an einem wichtigen Punkt nicht ausreicht. Empirische Forschung startet, wo Alltagserfahrung und Alltagsdenken daran scheitern, Fragen zu beantworten oder sie überhaupt erst zu definieren. Wissenschaft wächst also auf der Basis des Alltagswissens. Allerdings wächst sie diesem, wenn sie voranschreitet, recht schnell »über den Kopf«.

Empirische Forschung verwirft meist große Teile des bestehenden Alltagswissens. Heute wissen wir beispielsweise, dass – anders als es unsere Großmütter immer wieder behaupteten – Spinat nicht besonders eisenhaltig ist und kein Eisen–Atom mehr enthält als viele andere Nahrungsmittel. Millionen deutscher Nachkriegskinder sind also wegen einer Falschinformation mit zerkochtem Gemüse systematisch »gequält« worden.

Erfahrungen werden im Alltag nicht formalisiert. Empirische Wissenschaften dagegen arbeiten im Unterschied zum Alltagsdenken mit Theorien, die Annahmen formalisieren und systematisieren.

 

Aus:
Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung;
Band 1: Grundlagen – Kapitel 3 –
Wissenschaftsressourcen für moderne Konzeptionstechnik:
Entwicklung von Kommunikations–Maßnahmen als Technologie
Seite 75-8

www.pedion-verlag.de

Share