Teil 2: Geiz ist doch nicht „geil“.

Unser Wirtschaftssystem ist kein Schimpansen-Freigehege.

Die Befunde aus der aktuellen Interaktions-Forschung sind durch interessante weitere Wissenschaftsfelder untermauert worden. So beispielsweise durch die Untersuchungen des Verhaltens-Biologen und Psychologen Keith Jensen vom Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig. Auch er hat die Feststellung gemacht, dass menschliche Akteure nicht annähernd so selbstbezogen sind, wie Ökonomen sie uns darstellen.

Stattdessen passt das Verhaltensmodell der Ökonomie offenbar recht gut zu dem Verhalten von Schimpansen. In Experimenten konnte Jensen zeigen, dass sich Schimpansen durchschnittlich so egoistisch verhalten, wie Ökonomen dies von Menschen annehmen.

Im Weiteren kann auch Jensen – wie seine Wiener Forscher-Kollegen – aus seinen Untersuchungen ableiten, dass sich typisch menschliches Verhalten insoweit vom Verhalten im Tierreich abhebt, als es in der Tendenz kooperativ und fair ist. Menschen sind also von „Natur“ aus zunächst auf Kooperation eingestellt.

Ergebnis unserer kleinen Diskussion im Rahmen des vorliegenden Beitrags ist das revidierte Modell der Wirtschafts-Anthropologie:

Während die klassische Wirtschafts-Anthropologie von rationalen Akteuren im Sinne einer Gewinn-Kosten-Optimierung ausgeht, erbringen empirische Untersuchungen, dass Akteure zwar durchaus rational sein können, dass sie sich dabei aber eher am Modell des Satificing orientieren und eher darauf fokussiert sind, Risiken zu vermeiden, statt „optimale“ Ergebnisse zu erreichen.

Anders als klassische Ökonomen dies annehmen, orientieren sich Akteure nicht ausschließlich am eigenen Nutzen. Stattdessen haben die Forschungsergebnisse Belege für eine genuine Reziprokität bzw. Gegenseitigkeit der Orientierungen der Wirtschaftsakteure erbracht.

Mainstream-Ökonomen glauben daran, dass Gegenseitigkeit in Wirtschaftssystemen nur als „quid pro quo“ vorkommt – als „Gibst Du mir, so geb› ich Dir.“.

Empirische Untersuchungen deuten an, dass die relative Stabilität unserer Wirtschaftssysteme einem ausgeprägten Altruismus der hier Handelnden zu verdanken ist. Während klassische Ökonomen auf ökonomische Gesetze und Marktmechanismen zurückgreifen, um Ordnung zu erklären, zeigen die empirischen Untersuchungen, dass Stabilität eher dadurch zustande kommt, dass Wirtschaftsakteure bereit sind, überzogen egoistisches Verhalten zu sanktionieren und dadurch kollektive Interessen zu stützen.

 

Wirtschaftsanthropologie

 

 

Überspitzt ausgedrückt können wir Folgendes annehmen:

Die klassische Wirtschafts-Anthropologie passt nicht zum menschlichen Handeln und sollte aus der Wirtschaftswissenschaft verschwinden. Zum Trost: Sie kann in Zukunft genutzt werden, um das Verhalten von Schimpansen im Zoo und im afrikanischen Busch zu analysieren. Hier liegt ein neues Arbeitsfeld für zukünftig arbeitslos werdende konservative Volkswirte.

Um das Verhalten von Akteuren in Wirtschaftssystemen zu erklären, sind zukünftig die empirischen Befunde der modernen Interaktions-Forschung, der Verhaltens-Ökonomie und auch der modernen, internationalen Wirtschaft-Soziologie zu berücksichtigen:

Menschen sind grundsätzlich zur Kooperation fähig. Allerdings müssen sie das Feld, in dem sie handeln, entsprechend bearbeiten, um ihre altruistische und kollektive „Natur“ tatsächlich entwickeln zu können.

 

Geiz ist weder schlau noch „geil“.

Ein Wirtschaftssystem und die darin gepflegte Kommunikation kann so gestaltet werden, dass in ausreichender Weise altruistisches Handeln begünstigt und einseitig egoistisches Verhalten umgehend sanktioniert wird.

Die klassische Wirtschafts-Anthropologie und das von ihr vertretene Menschenbild vom intelligenten egoistischen Wesen, ist bereits in der Vergangenheit vielfach kritisiert worden. Das hatte häufig weltanschaulichen oder religiösen Hintergrund.

Die hier geäußerte Kritik an diesem Menschenbild fußt allerdings nicht auf Vorstellungen von einer idealen Moralität des Menschen, sondern beruht auf empirischen Beobachtungen. Der Mensch ist offenbar nicht das Vernunftwesen, als das er über Jahrhunderte diskutiert worden ist. Er ist bestimmt durch Bedürfnisse, die er durch sein Verhalten zu befriedigen sucht. Offenbar gehört zu diesen Bedürfnissen insbesondere das Ausüben sozialer Neigungen, die Grundlage sind für den Umgang mit seinen Mitmenschen und für seine Interaktionen in Gruppen.

Das Bild vom vereinzelten, vernünftigen Menschen, der allein auf seinen Nutzen fokussiert ist, wird im Laufe der Zeit aus den ökonomischen Theorien verschwinden. Das wird noch eine ganze Zeit dauern, da dieses unkorrekte anthropologische Konzept heute noch eine allzu zentrale Stellung in den Mainstream-Theorien hat. Die Wirtschaftswissenschaft ist überaus änderungsresistent, und ihre Vertreter scheinen gewillt, die Frage: „Sollen wir etwa eine schöne Annahme aufgeben, nur weil sie widerlegt wurde?“ mit einem zynischen „Nein“ zu beantworten.

Das Studium von Wirtschaftswissenschaftlern und Betriebswirten umfasst meist keine Ausbildung anhand empirischer Untersuchungen oder Experimente. Ökonomen arbeiten häufig ohne empirisch-wissenschaftliche Methodologie. Und Ökonomie-Studenten erlernen formalisierte Wirtschafts-Theorien, als wäre die Ökonomie als Zweig der Mathematik eine Formalwissenschaft ohne empirischen Bezug.

Diese Wirklichkeits-abgewandte ökonomische Weltanschauung erschwert uns Kommunikations-Beratern und Konzeptionern häufig die Arbeit und führt zu unerfreulichen Grundsatzdebatten.

Aber wir sind darauf angewiesen, unsere Maßnahmen möglichst weitgehend an der empirischen Realität auszurichten. Dabei werden wir durch vielfältige Vorurteile behindert, die sich aus dem klassischen ökonomischen Menschenbild ableiten – insbesondere durch unrealistische Vorstellungen davon, wie mit Menschen umzugehen ist und wie wir insbesondere mit ihnen zu kommunizieren haben.

„Schlaue Egoisten“ nach Maßgabe der klassischen Ökonomie können wir am besten durch Kontroll- und Bestrafungsmechanismen „bändigen“ – wie durch Bußgelder, Gefängnis oder sogar Exekution. Da Egoisten nur an ihrem eigenen Nutzen interessiert sind, erscheint die Manipulation als optimale Kommunikationsform. Denn, um den Egoisten zum „Guten“ zu bringen, könnte der Appell an seine Moral und Vernunft offenbar nichts bewirken. Er muss stattdessen, wenn es die Wichtigkeit einer Sache verlangt, mit Hilfe des Vorgaukelns eines Nutzens, eines Profits „verführt“ werden.

Offenbar provoziert das widerlegte Menschenbild der Ökonomie, Unehrlichkeit und Falschdarstellung als scheinbar bestmögliche Kommunikations-Strategien zu akzeptieren. Hiervon haben wir uns als Konzeptioner in Zukunft deutlich zu distanzieren.

Quellen:

  • Bunge, Mario; Social Science under Debate (1998) S. 130
  • Bunge, Mario; Philosophy in Crisis (2001) S. 133
  • Bunge, Mario; Chasing Reality. Strife over realism (2006) S. 176
  • Droste, Heinz W.; Kommunikation – Planung und Gestaltung
    öffentlicher Meinung. Band 2: Mechanismen, S. 291-345
  • Fehr, Ernst; Urs Fischbacher; „The Nature of Human Altruism“ (2003) S. 785-91
  • Fehr, Ernst; Urs Fischbacher; Simon Gächter; „Strong Reciprocity, Human Cooperation an the Enforcement of Social Norms“ (2002) S. 1-25
  • Fehr, Ernst; Herbert Gintis; „Human Motivation and Social Cooperation: Experimental and Analytical Foundations“ (2007) S. 43-Kahneman, Daniel; Paul Slovic; Amos Tversky; Judgement under uncertainty: Heuristics and biaces; Cambridge 1982
  • Jensen, Keith; Josep Call; Michael Tomasello; „Chimanzees Are Rational Maximizers in an Ultimatum Game“; in: Science, Volume 318, 5. Oktober 2007; S. 107-9
  • Thurner, Stefan; Michael Szell; Roberta Sinatra: „Emergence of Good Conduct, Scaling and Zipf Laws in Human Behavioral Sequences in an Online World“ January 12, 2012 (http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0029796)

 

 

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