Im Jahr 2002 hatte der damalige Deutsche-Bank-Chef Rolf-E. Breuer in einem Interview die Kreditwürdigkeit von Leo Kirch angezweifelt und dadurch das Ende der Firmengruppe Kirch eingeläutet. Seine Äußerungen werden die Bank voraussichtlich per Vergleich 800 Millionen Euro kosten.

Es wird darüber gerätselt, ob der Deutsche Bank-Sprecher sich damals „versprochen“ hatte, zu „geschwätzig“ war oder ob strategische Absichten hinter seinen Äußerungen standen.

In Wirtschaftszeitungen werden zum Thema dieser Tage vor allem juristische Tatbestände diskutiert: Breuer hätte vertragliche Pflichten verletzt, indem er die Kreditwürdigkeit seines Kunden in Frage stellte.

Aus diesem Blickwinkel der Pflichtvergessenheit bleibt der eigentliche Vorgang, die Herbeiführung des Konzern-Zusammenbruchs unbeachtet. Diesen Zusammenbruch lohnt es sich aus dem Blickwinkel des Kommunikations-Beraters zu verstehen. Wir wollen nachvollziehen, wie Breuer Kirchs Imperium mittels einer prominent angebrachten Äußerung den „Todesstoß“ konnte.

Breuer nutzt das „Thomas-Theorem“

Die Lösung ist: Breuer hat sich das bekannte, sogenannte „Thomas-Theorem“ zu Nutze gemacht.

Für diejenigen Leser, die dieses Theorem nicht kennen, folgt eine kurze Erläuterung:

Das Eponym „Thomas-Theorem“ stammt vom amerikanischen Soziologen Robert K. Merton, der damit einen Gedanken von Walter Isaac Thomas und Dorothy Swaine Thomas in deren Buch „The Child in America“ aus dem Jahr 1928 aufgreift.

Merton wollte mit dem Ausdruck „Thomas-Theorem“ betonen, dass Walter Isaac Thomas, der heute als Begründer der sozialpsychologischen Handlungsforschung gilt, in jenem Buch zu einer Einsicht gelangt war, die er für besonders schlüssig, folgenreich und empirisch relevant hielt:

„[…] probably the single most consequential sentence ever put in print by an American sociologist […]“ – (“ […] wahrscheinlich der folgenreichste Satz, der jemals von einem amerikanischen Soziologen publiziert worden ist[…]“).

Und zwar bezieht sich Merton auf folgenden Satz:

„[…] if men define situations as real, they are real in their consequences […]“ – („[…] wenn Personen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Auswirkungen wirklich […]“).

Die Erkenntnis hinter diesem Zitat ist mit anderen Worten:

Die Interpretation einer Situation verursacht das Verhalten von Akteuren sowie deren Wahrnehmungen und ihr Denken – nicht die Dinge sind verantwortlich.

Laut Mertons Thomas-Theorem reagieren Menschen offenbar nicht nur auf objektive Gegebenheiten und Informationen hierüber, sondern auch – häufig sogar hauptsächlich – auf die Bedeutungen, welche die Situationen für sie haben, in denen die betreffenden Dinge auftreten. Es handelt sich hierbei um einen dynamischen Prozess – einen Mechanismus -, den Merton als „self-fulfilling-prophecy“, als „sich selbst erfüllende Prophezeiung“, umschrieb.

SelbsterfüllendeProphezeiung

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Deutsche Bank-Chef „drehte den Spieß“ um

Ironie der Wissenschaftsgeschichte: Merton beschreibt die Operationsweise dieses Mechanismus am Fall des Zusammenbruchs einer Bank aufgrund der Prophezeiungen von Bankkunden:

Über eine Bank ist das Gerücht in Umlauf gekommen, dieser drohe eine Insolvenz. Daraufhin reagieren einzelne Sparer spontan und heben ihre Einlagen ab. Diese Abhebungen stärken bei anderen Sparern den Glauben an die Begründetheit des Gerüchts, der Bank drohe die Insolvenz. Konsequenz ist, dass noch mehr Sparer ihre Einlagen abheben. Nach kurzer Zeit ist die Bank nicht mehr zahlungsfähig und muss Konkurs anmelden.

Die ursprünglich stabile Finanzsituation der Bank war von einer „Situations-Definition“ abhängig gewesen, von dem Glauben an die Verlässlichkeit der Bank und der Seriosität ihres Versprechens, eine eingegangene Zahlungsverpflichtung zu erfüllen.

Geht der Glaube an dieses Versprechen verloren, können jederzeit die Konsequenzen unrealistischer Behauptungen real werden; am Ende kann sich auf diese Weise ein „falscher Prophet“ als „Hellseher“ feiern lassen.

Offenbar gelang Rolf E. Breuer, den Spieß zugunsten der „Ehre des Bankgeschäfts“ umzudrehen. Im Fall der Kirch-Gruppe ist es der Kunde, dem die Prophezeiung seiner eigenen Bank – der Deutschen Bank – zum schnellen Ende verhilft.

Ob Breuer dies als Strategie-Experte für die Nutzung von Meinungs-Strömungen und Trigger-Effekten – er war lange Jahre Leiter des Börsengeschäfts der Deutschen Bank – bewusst bewirkte oder ob er sich „vertan“ hat?

Diese Frage können wir hier nicht abschließend behandeln.

Was wir aber feststellen können ist Folgendes:

Sollte Breuer behaupten, er wäre sich der voraussehbaren, gesetzmäßig folgenden Konsequenzen seines Handelns nicht bewusst gewesen, spricht er sich seine eigene Berufsqualifikation und Börsen-Expertise ab.

Beharrte er auf seiner Berufsqualifikation, spricht er seiner eigenen Bank Kundenorientierung, Loyalität und Seriosität ab.

Diese Zwickmühle ist unangenehm, aber unvermeidbar.

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