(Studie entschlüsselt Mechanismen anhand der Kommunikations-Prozesse im arabischen Frühling – Teil 2)

Social Media – Das Wirkungsmodell und Werkzeuge der Gestaltung von Meinungsbildung

Soweit die Zusammenfassung der Studie „Opening Closed Regimes“.

Bevor wir mit der »Tiefen-Auswertung« der Forschungsergebnisse starten, ein paar Worte der Klärung:

Die Autoren der Studie sind als Forscher Kommunikations-Experten. Sie betrachten die Vorgänge, analysieren und suchen nach Kausalitäten. Sie sind allerdings nicht wie wir daran interessiert, die Ergebnisse so weiterzuverwerten, dass daraus Kommunikationsstrategien und Handlungsanweisungen ableitbar werden. Sie verfolgen ihr Thema als Wissenschaftler mit einem typischen „wissenschaftlichen Approach“. Als Wissenschaftler sind sie an den Details der Welt und ihrer theoretischen Erfassung interessiert. Wissen ist in diesem Sinne der „Endzweck“ ihrer Arbeit.

Wir machen an dieser Stelle einen Schnitt und übernehmen die weitere Ausdeutung der Studienergebnisse „in eigener Regie“, indem wir von hier an einen „soziotechnologischen Approach“ anwenden. Was das heißt? Für uns ist das Wissen um die Vorgänge im Frühjahr 2011 kein Endzweck. Wir wollen aufgrund neuen Wissens über Kommunikation und Kommunikations-Prozesse Wege finden, in Zukunft die Welt – insbesondere Meinungsbildungsprozesse – zu gestalten.
Sagen wir es noch deutlicher:

In der Wissenschaft ist bewusst herbeigeführter Wandel – wie der in der Studie betrachtete arabische Frühling – ein Mittel um Wissen zu erlangen.

Für uns verhält es sich genau umgekehrt: Als Kommunikationsberater und Konzeptioner sind wir Soziotechnologen. Dieses wissenschaftliche Wandlungswissen ist für uns ein Mittel, um Wandel herbeizuführen.

Im Fokus des Interesses des Konzeptioners oder Kommunikations-Beraters mit soziotechnologischen Kompetenzen steht das für Interventionen verwertbare wissenschaftlich fundierte Wissen. Dabei liegen die spezifischen Mechanismen im Zentrum, die hinter Kommunikations–Prozessen wirken.

Das Wissen über Kommunikations–Mechanismen, deren Funktionsweisen, deren Beeinflussbarkeit und Gestaltbarkeit ist die wesentliche Ressource, die Kommunikations-Konzeptioner aus dem Feld empirischer Forschung beziehen wollen. Anknüpfend an dieses Wissen entwickeln sie zukünftig ihre Werkzeuge und Maßnahmen–Pakete.

Damit ist die Frage klar, deren Beantwortung uns in diesem Abschnitt beschäftigen wird:

Welche Kommunikations-Mechanismen werden durch den Einsatz von Social Media in Gang gesetzt und wie können wir diese Mechanismen für die Gestaltung von Kommunikations-Maßnahmen nutzen?

Beginnen wir zügig mit der Beantwortung:

Die vorliegende Studie hat differenziert betrachtet erbracht, dass die Social Media wie Blogs, Facebook, Twitter und Youtube jeweils grundlegend unterschiedliche Wirkungen auf die lokale politische Kommunikation ausgeübt und unterschiedliche Kommunikations-Funktionen erfüllt haben.

Schauen wir uns zunächst das ermittelte Gesamtbild und die wichtigsten Trends darin an, die im Zusammenhang mit der Wirkung von Social Media standen:

Blogs:
Die Blogosphären schafften einen Raum für öffentlichen politischen Dialog über die Regime und deren kritikwürdiges Verhalten, etwa über deren Korruptheit. Blogs waren ebenfalls ein Podium für die wirkungsvolle Inszenierung der Botschaft „Das Ende der Diktatur ist gekommen – wir schaffen die Umwälzung jetzt!“ Blogs dienten als Plattform für grundsätzliche Diskurse sowie für die Begründung und Legitimation demokratischer Wertvorstellungen.

Facebook:
Facebook funktionierte als zentrale Community für die verschiedenen Gruppen, die ihre Unzufriedenheit artikulieren wollten. Hier fanden Individuen emotionalen Rückhalt, die unterschiedlichen beteiligten Gruppierungen nutzten es als Plattform, um Zusammenhalt zu demonstrieren.

Twitter:
Twitter diente dazu, Berichte über erfolgreiche politische Mobilisierungen innerhalb und außerhalb der Region zu verbreiten. Außerdem war es ein wirkungsvolles Instrument zur Koordination der politischen Aktivitäten in den Städten. Twitter diente zur strategisch-taktischen Abstimmung und zur praktischen Nutzung der Chancen, durch Aktivitäten vor Ort den Wandlungsprozess zu unterstützen.

Youtube:
Während der Proteste fungierten Youtube und andere Videoportale als zentrale Plattform für journalistisch aktive Bürger („citizen journalists“), um mit Handys und Amateur-Camcordern produzierte Film-Berichte über die Revolution zu verbreiten. Diese Amateur-Filme füllten die Lücke, welche die Vertreter der Medien hinterließen, die in beiden Ländern nicht willens oder durch die Staatsmacht daran gehindert waren, die revolutionären Geschehnisse öffentlich zu dokumentieren. Youtube war der Kanal der schnellen Vermittlung von relevanten Informationen. Da Filmdokumente häufig aufgrund ihrer Anschaulichkeit keiner Übersetzung bedürfen, beschleunigten sie die internationale Verbreitung dieser Informationen.

Damit verfügen wir bereits an dieser Stelle über folgendes einfaches Social Media-Empfehlungs-Modell:

 

  • Weblogs einsetzten, für begründete und legitimierende Aspekte der Kommunikation von Unternehmen und Institutionen

 

 

  • Facebook einsetzen, um Communities zu bilden, welche die Loyalität von Individuen zu Produkten, Dienstleistungen usw. unterstützen

 

 

  • Twitter einsetzen, um das Engagement von Individuen herauszufordern und um sie gezielt auf Aktivitäten aufmerksam zu machen

 

 

  • Youtube einsetzen, um die schnelle Information von Zielgruppen zu aktuellen Themen zu erreichen

 

 

Arab 11

Morgen geht es weiter mit detaillierten Charts und ausführlichen Arbeitsmodellen.

 

(Wird fortgesetzt mit Social Media: Das Wirkungsmodell und Werkzeuge der Gestaltung von Meinungsbildung – Erfolgsformel für Social Media-Strategien entdeckt? Teil 3)

 

Quelle und weiterführende Literatur:

Opening Closed Regimes: What Was the Role of Social Media During the Arab Spring?

Heinz W. Droste, Kommunikation: Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung; Band 1: Grundlagen; Band 2: Mechanismen; Neuss: 2011.

Share