Die Wirkung des Ganzen

Das Konzept der „ganzheitlichen“ Kommunikation erfreut sich bei Beratern größter Beliebtheit – bei Persönlichkeits-Coachs, Management-Beratern, Werbe-Strategen und bei PR-Beratern.

Was ist dran an dieser Theorie und Philosophie, die so alt ist, wie die menschliche Sprache und Kultur?

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Kraft des organischen Ganzen

Bei diesem Ansatz liegt der Fokus auf dem „organischen Ganzen“.

Kommunikationsberater schwören auf „ganzheitliche“ oder „holistische“ Kommunikation, weil sie authentisch, mit der „ganzen Persönlichkeit“ und deren „Intuition“ wirkt.

Durch emphatisches Interagieren könne der ganzheitlich Kommunizierende spontan die nicht analytisch hintergehbare umfassende Identität beispielsweise eines Unternehmens verinnerlichen, in dem er arbeitet.

Durch hingebungsvolle Identifikation entwickle sich das Individuum zum „ausführenden Organ“ der „Idee der Firma“ und seiner Corporate Identity, die er spontan und stimmig nach außen kommuniziert.

Gerade diese vereinheitlichte Kommunikation des Unternehmens als Ganzes, deren Inszenierung wird von den großen PR–Agenturen als „Königsdisziplin“ ihrer Profession vermarktet.

Was taugt dieser Holismus?

Was ist von der dahinter steckenden holistischen Vorstellung zu halten?

Aus der Sicht der empirischen Wissenschaften, etwa den Naturwissenschaften, sind tatsächlich reale Sachverhalte zu beobachten, die zu ihrem Entstehen auf Ganzheiten angewiesen sind. Sowohl die Physik, die Chemie oder die Biologie zeigen übereinstimmend, dass neue Eigenschaften und Verhaltensweisen bei Dingen auftreten, wenn Materie aggregiert und sich spontan zu Einheiten verknüpft. Empirische Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen davon, dass Emergenz auftritt.

Damit meinen sie den Umstand, dass sich, wenn vorher separierte Dinge zusammenkommen und aggregieren, spontan eine Einheit bilden kann, ein komplexes neues Ding entsteht, das über Eigenschaften verfügt, welche die einzelnen Bestandteile dieses neuen Ganzen als Einzelteile nicht besaßen. Diese neuen Eigenschaften werden als „emergente Eigenschaften“ bezeichnet, der Prozess der Entstehung dieser Eigenschaften als »Emergenz«.

Genauso wie im Fall von sich bildenden Gesamtheiten Eigenschaften auftreten, die bei den einfachen Einheiten nicht vorlagen, tritt „Submergenz“ auf, der Verlust von Emergenz, wenn die Aggregation der Bestandteile des Ganzen aufgelöst wird und die Eigenschaften wieder verschwinden.

Emergenz tritt auch in sozialen Beziehungssystemen und in menschlicher Kommunikation auf. Kommen einzelne Akteure in einer Situation zusammen, können sie spontan ein neues Beziehungssystem entstehen lassen. Personen tun sich zusammen, um eine neue Partei zu gründen und einen Einfluss auf die politische Diskussion verschiedenster Themen zu gewinnen, den sie als Einzelpersonen nicht erreichen könnten. Die kommunikative Macht dieser Partei ist eine emergente Eigenschaft, die verloren geht, submergiert, sollten sich die betreffenden Personen zerstreiten.

Können Kreative Unternehmens-Identitäten erfinden?

Die Emergenz ist ein realer Prozess, der prinzipiell erfahrungswissenschaftlich zu untersuchen und zu erklären ist. Und an diesem Punkt, sind der Holismus und die Vertreter „ganzheitlicher Kommunikation“ häufig zu kritisieren.

Denn sie klären häufig im Detail nicht auf, wie sie das Emergenzphänomen „gemeinsame Identität“ bewirken wollen. Sie verwenden kein empirisch abgesichertes Verfahren, um etwa in einem Unternehmen und zusammen mit dessen Mitarbeitern ein wirkungsvolles Leitbild zu entwickeln.

Was sie stattdessen abliefern, sind Konstrukte, die sich Agentur-Kreative in ihrem “stillen Kämmerlein“ losgelöst vom realen Beziehungssystem innerhalb des Unternehmens „ausdenken“. Zugegeben: Die dabei entstehenden Artefakte sind ästhetisch ansprechend, Unternehmens-Philosophien werden in Textabteilungen brillant formuliert.

Es wird sich zeigen, dass die in Agenturen und Unternehmensberatungen „geschmiedeten“ und von oben „verordneten“ Identitäten nicht die erhoffte einigende und motivierende Wirkung haben werden.

„Ganzheitliche Kommunikation“ funktioniert demgegenüber auf der Basis realer Interaktionen und Prozesse. Die Köpfe der Beteiligten müssen in die Gestaltung von Kommunikation einbezogen werden.

Wer diese Köpfe ausschließt, riskiert, dass deren Träger sich nicht auf die neuen Leitbilder und Identitäten einlassen.

 

 

Weiterführende Literatur:

Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung; Band 1: Grundlagen; Band 2: Mechanismen; Neuss 2011.

 

 

Band 1: Grundlagen

Format: PDF

312 Seiten, 13 Abbildungen

Dateigröße: 5,32 MB

ISBN: 978-3-9814882-0-3

Preis: 19.90 Euro

incl. MwSt.

 

 

 

 

Band 2: Mechanismen

Format: PDF

460 Seiten, 56 Abbildungen

Dateigröße: 13,35 MB

ISBN: 978-3-9814882-2-7

Preis: 24.90 Euro

incl. MwSt.

 

 

 

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