„Ökonomie steht vor totaler Neuorientierung“ schrieb das Handelsblatt vor einigen Tagen.

Schon seit Jahrzehnten erhalten Volkswirte erdrückende Belege dafür, dass ihre Paradigmen ausgedient haben oder zumindest dringend auf den Prüfstand gehören.

Beispielsweise konnte die seit den 80er Jahren in Nordamerika gereifte „Economic Sociology“ anhand zahlreicher Studien zeigen, wie irreführend bereits das herrschende ökonomische Menschenbild ist.

Es hat einer Weltfinanzkrise bedurft, um bei der Ökonomisten-Gemeinschaft endlich den erforderlichen Reflexionsprozess in Gang zu setzen. Mittlerweile sind sogar deutsche Volkswirte ins Grübeln gekommen, die in der Mehrheit geistig unbeweglicher sind als etwa ihre nordamerikanischen Kollegen.

Nun – der Nachdenk-Prozess ist also im Gange.

Ob sich die Volkswirtschaftslehre an deutschen Universitäten mittelfristig tatsächlich emprisch ausrichten wird, ist nicht absehbar. Statt zu spekulieren wollen wir in diesem Beitrag an einem konkreten Punkt ansetzen:

  • Was ist mit dem ökonomischen Menschenbild?
  • Inwieweit ist es revisionsbedürftig?
  • Wie sieht ein realistisches, neues ökonomisches Menschenbild aus?

Revision des ökonomischen Menschenbildes

Empirische Wirtschafts-Wissenschaftler haben in den letzten Jahren gezeigt, dass das klassische Menschenbild der Ökonomie unzutreffend ist. Sie haben darüber hinaus einen komplett neuen Entwurf einer Wirtschafts-Anthropologie vorgelegt, dem wir uns nun zuwenden wollen.

Dazu gehen wir auf die Untersuchungen ein, die am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich von Mitarbeitern rund um den österreichischen Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr unternommen wurden.
Die Forscher fanden unter anderem heraus, dass der von der Ökonomie vorausgesetzte menschliche Egoismus bei Wirtschaftsakteuren eine Ausnahmeerscheinung darstellt und egoistisches Verhalten im Wirtschaftssystem keineswegs vorherrschend ist.

Ihre Forschungen ergaben, dass die Orientierung von Wirtschaftsakteuren sehr unterschiedlich sein kann. Es treten im Wirtschaftsleben beide Extreme auf: Es gibt radikal egoistisches und radikal altruistisches Verhalten. Allerdings sind die meisten Akteure „Kooperateure“ oder so genannte „Reziprokateure“, nämlich Personen, die längst nicht nur ihren eigenen Nutzen im Auge haben, sondern genau darauf schauen, wie sich andere Marktteilnehmer verhalten.

Gängiges Handlungsmodell im Umbau

Im Einzelnen brachten ihre Ergebnisse die schweizer Forschergruppe dazu,
das bisher gängige Handlungsmodell in der Ökonomie umzubauen. Sie leiteten die wahrscheinlich seit Jahrzehnten folgenreichste Wende des ökonomischen Paradigmas ein. Und zwar revidierten sie die Hauptannahmen hinter dem oben skizzierten Modell des ökonomischen Mainstreams:

1. Alle Wirtschaftssubjekte sind rational – was immer die Ziele eines Wirtschaftssubjekts sind, es setzt die besten Mittel zur Erreichung dieser Ziele ein.

2. Alle Wirtschaftssubjekte sind eigennützig, das heißt, sie sind ausschließlich an der Maximierung des materiellen Eigennutzens interessiert.

Diese beiden Punkte revidierten sie folgendermaßen:

*1. Ein substanzieller Anteil der Wirtschaftssubjekte handelt situationsweise nicht rational.

*2. Ein substanzieller Anteil der Wirtschaftssubjekte ist nicht nur an der Maximierung des materiellen Eigennutzens interessiert, sondern hat soziale und altruistische Präferenzen und Ziele.

Die Forscher ziehen insgesamt die Schlussfolgerung:

Während sich die ökonomische Handlungstheorie in der Vergangenheit als „Königin der Sozialwissenschaften“ feiern ließ, zeigt sich heute, dass sie zwar über elegante Theorien und Modelle verfügt. Diese haben aber zu wenig Anwendbarkeit in der Realität – sie konstruieren mit ihren Theorien lediglich ein „Königreich“ außerhalb der ökonomischen Wirklichkeit.

Von ihrem eigenen revidierten Konzept erhoffen sich die Forscher in Zürich, ein Paradigma gefunden zu haben, das in Zukunft ein besseres Verständnis von Unternehmen, von Marktverhalten, von Politik und Gesellschaft ermöglicht. Diese verbesserte Leistung erwarten sie aufgrund der Verbesserung der ökonomischen Theorie auf der Basis von empirischem Wissen, das sie aus Psychologie und Soziologie beziehen und in die ökonomische Theorie integrieren.

Was ist im Kern nun anders am revidierten Menschenbild dieser empirischen Wirtschaftswissenschaftler?

Ihre empirische Wirtschafts-Anthropologie behauptet, dass sich die meisten Akteure so lange altruistisch verhalten, als sich die anderen Marktteilnehmer auch so verhalten. Wirtschaftsakteure verhalten sich ihrer Meinung nach in dieser Weise stark reziprok. Damit verbunden sehen die empirischen Wirtschaftsforscher die Bereitschaft von Marktteilnehmern, andere Akteure zu bestrafen, die sich weigern, reziprok zu handeln, und sich stattdessen als „Trittbrettfahrer“ einseitig auf Kosten anderer Nutzen verschaffen.

Das bedeutet, Wirtschaftsakteure sind „altruistische Bestrafer“, die für ihre Bestrafungsinitiativen und -handlungen zur Verteidigung kollektiven Nutzens sogar Kosten und Mühen in Kauf nehmen, ohne dafür wiederum irgendeine Belohnung zu erwarten. Die Forscher vermuten, dass aufgrund von altruistischem Bestrafungsverhalten in Wirtschaftssystemen ein kooperatives Verhalten sui generis zu Stande kommt.

Kooperatives Verhalten ist störanfällig.

Dieses kooperative Verhalten hat aber die Tendenz gestört und schließlich zum Erliegen zu kommen, wenn in Handlungssituationen egoistisches Verhalten auf Kosten Anderer nicht unmittelbar sanktioniert wird. Wenn Akteure keine Möglichkeit haben, Egoisten umgehend zu stoppen, sehen sie sich gezwungen, ihr ursprünglich altruistisches Verhalten und ihre Reziprokität abzulegen, um sich vor Schaden durch unsanktionierten Egoismus von Trittbrettfahrern zu schützen.
In einer Atmosphäre der „Unfairness“ werden selbst faire Akteure scheinbar unfair und egoistisch, weil sie erfahren mussten, dass sie im betreffenden Kommunikationssystem keine Fairnessziele verfolgen und realisieren können:

Sie stellten ihr kooperatives Verhalten ein, weil sie wiederholt von Eigennützigen ausgenutzt wurden, ohne diese unmittelbar sanktionieren zu können. Sie haben möglicherweise keine Gelegenheiten, die „Trittbrettfahrer“ offen vor der Kollegenschaft zu kritisieren.

Dass im betroffenen Unternehmen Mitarbeiter nicht mehr kooperieren, hat bei den Beteiligten ganz offenbar unterschiedliche Gründe:

Die eigennützigen Akteure hatten nie vor, zu kooperieren, und die Fairen stellen die Kooperation ein, um sich gegen das Ausgenutztwerden durch die Eigennützigen zu schützen.

Es hat Platz gegriffen, was wir mit Hilfe des Boudon-Coleman-Diagramms analysieren und als Mechanismus des „Free Ridings“ bezeichnen können:

Trittbrett-Fahrer

 

(Auf das Bild klicken, um Details zu sehen!)

 

Es zeigt sich, dass im Unternehmen eine kleine Anzahl von Egoisten ausgereicht hat, ein kooperatives Kommunikationssystem zusammenbrechen zu lassen, weil die „Trittbrettfahrer“, die „Free Rider“, nicht unmittelbar von den betroffenen Kollegen öffentlich zur Verantwortung gezogen werden können.

Wir wissen aber, dass eine stabile Kooperation wieder hergestellt werden kann, wenn die fairen Akteure die Möglichkeit haben, unkooperatives Verhalten zu disziplinieren, also „altruistische Bestrafung“ zu praktizieren.

Mit Hilfe des Boudon-Coleman-Diagramms können wir jetzt betrachten, wie der Mechanismus der „starken Reziprokität“, der „Strong Reciprocity“ funktioniert, auf den wir mit Maßnahmen aufbauen können, um im Unternehmen unseres Klienten Voraussetzungen für ein gutes „Arbeitsklima“ zu schaffen:

Altruismus

 

(Auf das Bild klicken, um Details zu sehen!)

Quellen

Bunge, Mario: „Wealth and Well-Being, Economic Growth, and Integral Developement“, in: International Journal of Health Services, Vol. 42, Nr. 1, S. 65-76; 2012

Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung; Band 2: Mechanismen, Neuss 2011

Fehr, Ernst; Urs Fischbacher; „The Nature of Human Altruism“ (2003) S. 785-91

Fehr, Ernst; Urs Fischbacher; Simon Gächter; „Strong Reciprocity, Human Cooperation an the Enforcement of Social Norms“ (2002) S. 1-25

Fehr, Ernst; Herbert Gintis; „Human Motivation and Social Cooperation: Experimental and Analytical Foundations“ (2007) S. 43

http://www.nachdenkseiten.de (regelmäßige Beiträge zur Kritik am konservativen Wirtschaftsdenken)

Swedberg, Richard, Grundlagen der Wirtschaftssoziologie, Wiesbaden 2009

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