Im Rahmen der Sendung »Freigeistige Betrachtungen« des Bundes für Geistesfreiheit (BfG) Bayern fand ein Interview mit dem Autoren Heinz W. Droste statt.

Themenschwerpunkte waren unter anderem die Philosophie des international renommierten Wissenschaftsphilosophen Mario Bunge, McGill University, Montreal, Kanada und die moderne philosophische Aufklärung.

Die Anmoderation übernahm der Vorsitzende BfG Bayern, Erwin Schmid, – die Fragen stellte Waltraud Gebert.

Sendetermin: bayern 2 – 5. Juni 6:45 Uhr bis 7:00 Uhr:

 

Dem Interview lag folgendes Script zugrunde:

1. Herr Droste – wer sind Sie – woher kommen Sie – und was haben Sie mit dem Freidenkertum zu tun?

Wahrscheinlich möchten Sie wissen, was ich beruflich mache: Ich arbeite im Bereich der Kommunikationsberatung, habe mit der Gestaltung von Öffentlichkeitsarbeit und der Identitäts-Entwicklung sowie der Außendarstellung von Unternehmen, von Organisationen usw. etwa im Internet zu tun. Das ist ein Arbeitsfeld, das relativ neu ist. Deshalb treten hier viele grundlegende soziologische Fragen auf – etwa zu Wirkmechanismen von öffentlicher Kommunikation, von sozialen Systemen, Netzwerken, zu moralisch-ethischen Fragen im Umgang mit der Öffentlichkeit. Mit diesen Fragen beschäftige ich mich neben der praktischen Tätigkeit, um möglichst professionelle Vorgehensweisen zu finden, die ich dann meinen Klienten vorschlage. – Darüber hinaus arbeite ich als freier Journalist für Fachzeitschriften und schreibe Bücher.

Woher ich komme? Vom Bahnhof, angereist aus Nordrhein-Westfalen, aus dem Westen, kurz vor der niederrheinisch-belgischen Grenze – aufgewachsen bin ich am Niederrhein – studiert habe ich an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Wenn Sie unter „Freidenker“ jemanden verstehen, der als Vertreter der Aufklärung Mitglied in einer Freidenker-Organisation ist, dann hatte ich damit bisher wenig zu tun. Wenn es im Sinne der Aufklärung darum geht, bei wichtigen Entscheidungen, das bestmögliche, überprüfbare Wissen zu nutzen und einseitige Denkschablonen und Ideologien abzuwehren, dann stehe ich dem wohl nahe.

2. Sie schreiben also Bücher – können Sie davon leben?

Während meines Studiums von Soziologie, Philosophie und Psychologie habe ich anlässlich meiner Examen gesehen, dass das Schreiben einer umfassenden Arbeit über ein Problem eine sehr gute Methode ist, Wissen zu sammeln und fortzuentwickeln. – Die meisten Bücher, die ich geschrieben habe, beschäftigen sich mit den Problemen, auf die ich während meiner Berufsarbeit gestoßen bin. Das Schreiben diente dazu, mein eigenes Wissen fortzuentwickeln und dieses dann anderen – etwa Kollegen oder Auftraggebern – verfügbar zu machen.

Um vom Buchschreiben leben zu können, sind allerdings Buchauflagen notwendig, die mit solchen Werkzeugen der Wissensvermittlung nicht zu erreichen sind.

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3. Nun haben Sie beim alibri-Verlag ein Buch über Mario Bunge mit dem Titel „Turn of the Tide“ geschrieben – müssen wir den kennen?

Ja – ich habe eine Einführung in Mario Bunges Philosophie geschrieben. Wer sich grundlegend mit den Themen der Aufklärung beschäftigen und wissen möchte, ob sich die wesentlichen Konzepte der Aufklärung angesichts der Fortschritte der modernen empirischen Wissenschaften heute aufrechterhalten lassen, der kommt an Mario Bunges Werk kaum vorbei.

Auf den Punkt gebracht ist Mario Bunge ein Fortführer der Französischen Aufklärung – er hat einen umfassenden Entwurf einer aufklärerischen Philosophie vorgelegt, die sich der Haupterkenntnisse moderner, erfolgreicher Wissenschaften bedient – von der modernen Physik, über die Mathematik und Logik, über die Neurowissenschaften und die Medizin bis zu den Sozialwissenschaften etwa Ökonomie, Soziologie und Politologie.

Und mein Buch soll Lesern, die möglicherweise noch nie ein Philosophie-Buch in der Hand hielten, helfen, hier einen einfachen Einstieg in eine moderne, zeitgemäße Aufklärung zu finden.

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4. Haben Sie Mario Bunge persönlich getroffen? Wie stehen Sie mit ihm in Verbindung – schließlich ist er 96 Jahre alt, Argentinier und lebt in Montreal: Das ist bei Ihnen in Hückelhoven am Niederrhein nicht gerade „ums Eck“ – hat er Ihr Buch zur Kenntnis genommen?

Seit ungefähr zehn Jahren stehe ich mit Mario Bunge laufend per Email in Kontakt. Damals hatte er noch seinen Lehrstuhl als Professor an der McGill-University in Montreal, Kanada. Mit 90 Jahren hat er sich dann bewegen lassen, in Rente zu gehen, obwohl er, was seine Tätigkeit als Buchautor angeht, weiterarbeitet. Ich habe mich mit ihm in Verbindung gesetzt, als ich selber ein Buch über Kommunikation in Netzwerken schreiben wollte. Um die hier wirkenden Mechanismen besser zu verstehen, habe ich mich mit Bunges wissenschaftstheoretischen Konzepten zu sozialen Systemen beschäftigt. Darüber habe ich begonnen, mich mit ihm auszutauschen. – Übrigens ist er ein vorbildlicher Gesprächspartner: Wenn ich ihm eine Email schicke, antwortet er prompt – zwar muss ich die Zeitverschiebung zwischen den Kontinenten berücksichtigen. Ich kenne ansonsten niemanden, der derart zuverlässig und zügig auf Emails antwortet.

Mario Bunge kennt die letzten vier Bücher, die ich verfasst habe – darin habe ich mich jeweils intensiv mit seinem Werk auseinandergesetzt. Beim Schreiben von „Turn of the Tide“ habe ich ihn von Anfang an einbezogen – von der ersten Idee, über den ersten Entwurf der Gliederung bis zum Formulieren der einzelnen Kapitel.

Tatsächlich ergab sich auch, dass ich ihn und seine Frau Marta im Jahr 2014 in Wien bei einer seiner Vortragsreisen persönlich kennenlernen konnte. Beide unternehmen regelmäßig Reisen durch die ganze Welt und verbringen oft die Sommermonate in Griechenland. Während einer dieser Griechenland-Aufenthalte hatte ich die Gelegenheit, ein ausgiebiges Online-Interview mit ihm zu führen, das in „Turn of the Tide“ abgedruckt wurde.

5. Mario Bunge – ein Fortführer der französischen Aufklärung im Lichte der Resultate der modernen Wissenschaften … helfen Sie mir und den Hörerinnen und Hörern auf die Sprünge! Französische Aufklärung – was hatte die Besonderes etwa im Unterschied zur deutschen Aufklärung “?

Die französische Aufklärung war wesentlich konsequenter in ihrer offenen Kritik an Religionen, an der politischen Macht einer aristokratischen Elite als das, was in Deutschland Aufklärung genannt wurde. Die französischen Aufklärer wie Diderot und Baron von Holbach orientierten sich dabei übrigens an den wissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit.

Hier einige ihrer Grundthesen:

Zum Atheismus –

  • Zurückweisung der Vorstellung eines Schöpfergottes
  • Ablehnung der Vorstellung eines Anfangs der Welt – „Nichts kommt aus dem Nichts!“
  • kein Gott als kosmischer Motor des Geschehens im Universum

Zum Materialismus –

  • im Universum kommt nur eine Substanz vor – Materie
  • Ablehnung eines Dualismus – es gibt keine Seele – keine geistige Bewusstseins-Substanz
  • jedes Denken geschieht auf der Basis eines Hirnprozesses
  • Ablehnung des Konzepts einer unsterblichen Seele
  • kein Leben nach dem Tod

Zu Wissen und Erkennen –

  • Basis für das Erkennen der Welt ist die menschliche Erfahrung und insbesondere die empirische Wissenschaft
  • sie ist das letztlich entscheidende Mittel zur Erfassung der Welt und zur Ermittlung von verlässlichem Wissen
  • dieses Wissen ist noch lückenhaft, erfordert laufende Ergänzung und Verbesserung
  • die Vorstellung einer rein intellektuellen Wesensschau – etwa auf der Basis überweltlicher Intuition und reiner Vernunft – ist zu verwerfen

Das waren Thesen, die die modernen Wissenschaften bewegten und heute im großen und ganzen durch empirische Forschung bestätigt sind.

In der deutschen Kultur und Philosophie haben diese Thesen keinen breiten Widerhall, sondern eher Widerstand und eine Gegenaufklärung ausgelöst.

Übrigens hat Kants Begriff des Verstandes nichts mit freiem Denken zu tun: Kant definiert Verstand als eine ganz spezielle Funktion des Denkens – der Verstand wendet die sogenannten Kategorien auf unsere Erfahrung an. Er postuliert, dass unser Denken auf einer unreflektierten Anwendung von Begriffs-Schablonen auf Sinnesdaten beruht. Dieses Konzept es Denkens ist konstruiert und unrealistisch. Selbst wenn unsere Kognitionen auf diese Weise funktionierten, hätten sie offenbar nichts mit dem Konzept aufgeklärten freien Denkens zu tun.

Und zudem hat sich im Anschluss an Kant der Idealismus und die Romantik ausgeprägt – hier wurde realitätsfernes Philosophieren noch weiter auf die Spitze getrieben.

Nein – die radikale Französische Aufklärung scheint zu heftig zu sein für das deutsche Philosophen-Gemüt. Sie erlaubt nicht die reinen Vernunfts- und Geistes-Höhenflüge oberhalb der schnöden Welt der Empirie, die hierzulande von Dichtern und Denkern erwartet wird.

6. Inwieweit ist das, was Bunge als Philosoph entwickelt hat, für Nicht-Philosophie-Experten tatsächlich erhellend?

Vieles von dem, das Mario Bunge in seinem Werk entwickelt hat, ist für Nicht-Philosophen relevant. Er hat sich mit Themen wie Klimawandel, Wirtschaftskrisen, mit den Ursachen politischer Fehlentwicklungen beschäftigt. Er hat übrigens als Student in Argentinien eine Hochschule für Arbeiter aufgebaut – hier wurden Sprach-, Mathematikkenntnisse und ingenieurswissenschaftliches Wissen vermittelt. Sein Vater saß im argentinischen Parlament und war mit gesundheitspolitischen Fragestellungen beschäftigt. Um es auf den Punkt zu bringen: Er ist der Ansicht, dass Philosophien bewertet werden können und müssen – sein Credo: „eine Philosophie ist wertvoll, wenn sie uns hilft, zu lernen, zu handeln, unser wertvolles kulturelles Erbe zu erhalten, und wenn sie uns anleitet, unser Zusammenleben mit unseren Mitmenschen zu fördern.“
7. Sie halten im Augenblick im Rahmen der Vorstellung Ihres Buchs Vorträge – worum geht es da – stellen Sie eine Zusammenfassung des Buchs vor – oder wie haben wir uns das vorzustellen?

Eine Zusammenfassung meines Buchs trage ich in diesem Sinne nicht vor. Die Teilnehmer wollen mein Buch wahrscheinlich lesen, um die dabei möglichen Aha-Erlebnisse selbstständig zu genießen. – Ich möchte während meines Vortrags ganz einfach zeigen, wie aufklärerische Philosophie funktioniert. Indem ich ein paar Modelle vorstelle, mit deren Hilfe jeder Mensch besser mit den üblichen intellektuellen Angriffen auf uns in Öffentlichkeit und Medien umzugehen. Ich biete so eine Art „intellektuelle Selbstverteidigung“ an.

8. Wie funktioniert „intellektuelle Selbstverteidigung“ – wer kann das gebrauchen?

Was das Prinzip der Selbstverteidigung ist?

Schauen wir auf die Definition des Begriffs „Selbstverteidigung“:
Selbstverteidigung = »die Vermeidung und Abwehr von Angriffen auf die Unversehrtheit eines Menschen«

Ich behaupte:

  • intellektuelle Angreifer begegnen uns fortlaufend
  • Ziel der Angreifer ist die Ausübung von Macht

Wird uns eine Behauptung als „alternativlos“ präsentiert von Autoritäten, in der „geistigen Hierarchie“ höher stehenden Persönlichkeiten, so wirkt diese in uns weiter – selbst wenn der Inhalt dieser Behauptung uns widerstrebt.

Dem Angreifer, der seinen Angriff auf uns als argumentativ legitimiert vorträgt, geben wir auf diese Weise nach einiger schleichender Einwirkungszeit auf unser Denken recht, statt ihm zu widerstreben.

Wir übernehmen die Rolle des Angreifers in Vertretung und kämpfen gegen unser eigenes Bewusstsein und unsere Interessen an, indem beispielsweise unser schlechtes Gewissen oder ein Gefühl der Minderwertigkeit mobilisiert wird, um unseren Widerspruch zu lähmen.

Auf diese Weise wirken Angriffe fort, wenn wir nicht dagegen vorgehen – nagen an uns – wir nehmen etwas davon an und arbeiten gegen uns selbst – wir werden – wenn sich die Angriffe wiederholen – stumpf und depressiv …

Deshalb ist es wichtig, Angriffe zu registrieren, zu entschlüsseln und zu entschärfen!

9. Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Stellen Sie sich vor, Sie schalten sonntagabends den Fernseher an und nun aufgepasst, Ihnen wird von einem prominenten Buchautor folgender Satz vorgetragen:

„Die ehrwürdige Gestalt des athenischen Philosophen Sokrates markiert in der Geschichte der westlichen Intelligenz immerhin den bemerkenswerten Punkt, an dem zum ersten Mal ein Individuum expressis verbis davon Zeugnis ablegte, dass Menschen unter gewissen Umständen wenigstens dahin gelangen können, die Einsicht in die Endlichkeit ihrer Kenntnisse zu gewinnen und darüber nachzudenken, was es heißt, zu wissen, daß man nichts oder so gut wie nichts wirklich weiß.“ (Peter Sloterdijk bei einem Kundenevent der Werbeagentur McCann-Erickson in Kronberg)

Haben Sie etwas mitbekommen? Wahrscheinlich nicht! Dieser Satz ist tatsächlich so in der Öffentlichkeit vorgetragen worden – von einem »Vorzeige-Philosophen« -, bei welcher Gelegenheit, das zeige ich während meines Vortrags. –

Kurze Analyse an dieser Stelle – in dem Satz steht natürlich nicht mehr als: „Sokrates war der Erste, der wusste, dass er wenig wusste.“ Dies ist ein schlichter Gedanke, und so wie er vorgetragen wird, völlig unbelegbar, weil wir nicht wissen, was Sokrates gesagt hat – Schriftliches hat er bekanntlich nicht hinterlassen. Und außerdem ist es völlig absurd anzunehmen, wir wären heute in der Lage anzugeben, wann welche Person zum ersten Mal in der Geschichte dachte: „Mist, ich weiss weniger, als ich gerne wüßte!“ – Sokrates war diese Person sicher nicht. – Ich könnte aber genau so ins Blaue hinein wie im obigen Zitat behaupten, es wäre der Neandertaler gewesen, der im August 1856 in einem Steinbruch bei Düsseldorf gefunden wurde – schließlich verfügte er durch sein großes Hirnvolumen über ein erhöhtes Potenzial zur Selbsterkenntnis.

In meinem Vortrag zeige ich, wie die Verblüffungstaktik hinter solchen Angriffen funktioniert. Wer die Operationsweisen der üblichen Bluffs kennt, ist auf dem besten Weg, sich wirkungsvoll zu verteidigen.

10. Vielen Dank – wer also mehr wissen möchte, sollte Ihr Buch lesen oder Ihren Vortrag besuchen – gibt es eigentlich schon ein nächstes Buchprojekt?

Ja – ich arbeite unter anderem an einer Einführung in die Philosophie von Paul Heinrich Dietrich Baron von Holbach, der in Paris allwöchentlich in den Jahrzehnten vor der Französischen Revolution prominente Gesprächspartner in sein Haus einlud und drei der einflussreichsten Bücher der Aufklärung geschrieben hat. Interessant: Keines dieser Bücher ist im aktuellen deutschen Buchhandel verlegt. Die seines Zeitgenossen Kant werden in zahlreichen unterschiedlichen Ausgaben angeboten – obwohl es hierzulande nur eine äußerst kleine Gruppe von Leserinnen und Lesern geben dürfte, die beispielsweise die „Kritik der reinen Vernunft“ Seite für Seite durcharbeiten und angemessen verstehen. – Das erfordert ein intensives, zeitaufwändiges Studium. – Während Holbachs recht gut verständliche Bücher auf Herausgabe warten, dienen Kants Werke in vielen Bücherregalen des heutigen Bildungsbürgertums als bloße Staubfänger. – Vielleicht kann eine Einführung in Holbachs Werk ein erster Schritt sein, eine Nachfrage nach seinen Büchern zu erzeugen.

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Baron von Holbach

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