Etwas spät – erst vor einigen Wochen – habe ich das Buch von Daniel Kahneman – Schnelles Denken, langsames Denken – entdeckt: Besser spät als nie!

Dabei kenne ich Ausschnitte Kahnemans Arbeiten schon seit langem. Das zusammen mit Amos Tversky und Paul Slovic herausgegebene “Judgement under uncertainty: Heuristic and biases” (1982) hat einen festen Platz auf meinem Bücherregal.

Aufmerksam geworden bin ich auf Kahneman durch Amati Etzionis “The Moral Dimension” (1988) und Mario Bunges kritische Analysen des ökonomischen Paradigmas. In eigenen Texten habe ich mich wiederholt auf Kahnemans und Tverskys Forschungsergebnisse bezogen (z.B. in: „Kommunikation, Band 2“).

Nun bin ich also vor kurzem – ich muss zugeben, durch Zufall und Abwegen – auf Kahnemans aktuellen „Bestseller“ gestoßen: Ein Verlag hat allen Ernstes den Text unbearbeitet als “Hörbuch” produzieren lassen.

 

Kahneman BuchTitel

(Vergrößern durch Klicken!)

Wie sich Beschreibungen von psychologischen Versuchen und deren Auswertungen als „Hörbuch-Futter” für Smartphones tatsächlich befriedigend „verdauen“ lassen, möchte ich an dieser Stelle nicht bewerten. Das betreffende Hörbuch hatte zumindest den kaum zu überschätzenden Nutzen, mich in zwei, drei Tagen die komplette Übersicht über Kahnemans Werk und die von ihm zusammengestellten Befunde “reinziehen” zu lassen.

Nach einem strapaziösen „Hörgenuss“ werde ich im nächsten Schritt – von der Bedeutung Kahnemans Buch überzeugt – die Originalausgabe des Buchs durchackern und all die schönen Einblicke in das menschliche Entscheidungsverhalten übersichtlich in ein Mindmap übertragen und so schnell abrufbar machen. Das ist wichtig. Denn mir würde es ansonsten so gehen wie vermutlich manchem anderen Konsumenten des Hörbuchs: Ca. 80 Prozent der Kahnemanschen Einsichten hätte ich bereits nach zwei Wochen vergessen. – Das nur am Rande.

 

Macht Kahneman uns nachhaltig schlauer?

Doch nun mal Klartext: Unter der Voraussetzung, dass wir es schaffen, Kahnemans Befunde festzuhalten (egal ob im Kopf oder Schwarz-auf-Weiss) – was können wir mit ihnen anfangen?

Die deutsche Ausgabe seines Buchs ist vom „Spiegel” zum „Bestseller” gekürt worden. Was passiert nun? Werden die Leser, nachdem sie detailreich das falsche Denken in Entscheidungssituationen vorgestellt bekommen haben, ihr Verhalten ändern, journalistischen Schlendrian besser erkennen, spontan und konsequent scharenweise ihr Abo des Spiegel kündigen, das nach Kahneman – wie die meisten Medien – mit falsch gewichteten Fakten überfrachtet sein dürfte? Den letzten Verkaufstrick ihres Vermögensberaters durchschauen und nun zu ihrer Bank laufen, um ihr Aktienportfolio umzubauen? – Wohl kaum!

Wie ist stattdessen der Nutzen des Buchs realistisch einzuschätzen? Kahneman hat in Schnelles Denken, langsames Denken an verschiedenen Stellen darauf hingewiesen, dass er und seine Kollegen immer wieder zeigen konnten, dass die Vertreter klassischer Wirtschaftstheorien mit offensichtlich falschen Annahmen zum menschlichen Entscheidungsverhalten operieren. Kahnemans anschließende Diskussionen mit Wirtschaftstheoretikern und –praktikern hat aber nicht dazu geführt, dass diese eine Änderung ihrer Theorien und Selbstkonzepte vornahmen.

Kahneman beklagt das Ignorieren seiner Befunde an verschiedenen Stellen seines Buchs. Er führt das Vernachlässigen seiner Arbeit darauf zurück, dass einmal etablierte Theorien sich nicht ändern, “nur” weil sie mit der Realität kollidieren. Max Planck soll einmal gesagt haben, dass falsche Theorien erst dann verschwinden, wenn ihre Befürworter “aussterben”. Da die klassische Ökonomie an Universitäten fest etabliert ist und ständig neuer Nachwuchs herangezogen wird, kann das nachgewiesenermaßen falsche Grund-Paradigma des rationalen Wirtschaftsakteurs auf diesem Weg nicht „abgewickelt” werden.

Dass volkswirtschaftliche Theorien und Formeln “fiktiven” Charakter haben und Volkswirte bestenfalls durch den Mechanismus sich selbsterfüllender Prophezeiungen (wie Homöopathen aufgrund des Placebo-Effekts) Realitätsänderungen bewirken, ist empirisch-wissenschaftlichen Analytikern klar, und interessiert mich heute hier nicht. (Darüber habe ich mich bereits in anderen Beiträgen mehrfach ausgelassen.) Denn ich denke, dass die schockierende Ignoranz Kahnemans Befunden gegenüber – zumindest teilweise – durch eine schwerwiegenden “Auslassung” – einen blinden Fleck – in seiner eigenen Arbeit vorprogrammiert ist.

 

Dem „blinden Fleck“ auf der Spur

Was hinter diesem blinden Fleck steckt, beleuchte ich nun Schritt für Schritt.
In seinem streckenweise populärwissenschaftlich-leicht formulierten Buch versucht Kahneman, seine Ergebnisse durch die Metapher der Existenz zweier „Denksysteme“ plausibel zu machen.

Er stellt ein „System 1” vor, das er mit schnellen, spontanen, emotionalen und intuitiven Denkprozessen in Verbindung bringt. Diese Prozesse laufen parallel und oftmals in Konkurrenz zu Bewusstseinsvorgängen eines langsamen „Systems 2”, dem Kahneman „anstrengendes“ Denken zuordnet, das damit beschäftigt sein soll, Dinge logisch zu beurteilen, anhand rationaler Standards zu bewerten usw. Nach Kahnemans Beobachtung führt das intuitive System 1 im Alltag meist zu korrekten Entscheidungen und zweckdienlichem Verhalten. In manchen Situationen scheint seine Kompetenz allerdings nicht hinzureichen. Das führt laut Kahneman dazu, dass unbemerkt falsche Entscheidungen gefällt werden.

Kahneman beobachtet eine weitere typische Problem-Konstellation: Es komme vor, dass sich System 1 überfordert fühle und deshalb System 2 bewusst aktiviert würde. System 2-Aktivitäten sind laut Kahneman extrem anstrengend, Denken verlangsamend, große Konzentration erheischend – können aber in solchen Situationen zu vernünftigen Lösungen führen und dadurch Fehlern von System 1 vorbeugen. Oft würde allerdings System 2 – wegen seiner angestammten „Faulheit“ – zu wenig aktiv, was zu Entscheidungen führen könne, die unzweckmäßig seien. Weiteres Problem laut Kahneman: System 2 ist nicht unfehlbar, sondern macht in bestimmten Situationen selber typische Fehler.

Das ist – grob beschrieben – der äußerst spannende und unterhaltsame „Plot“ in Kahnemans Buch.

 

Warum ignorieren Ökonomen Kahnemans Belege?

Wie hängt diese „Geschichte“ mit der unerschütterlichen Ignoranz der Ökonomen zusammen – warum können diese angesichts einer überwältigenden Befundlage ihr Desinteresse stur aufrechterhalten?

Mein Erklärungs-Vorschlag:

Kahneman belegt anhand ständig neuer Untersuchungs-Ergebnisse, dass Wirtschaftakteure nicht rational handeln und dass deren Denken, anders als von der Ökonomie behauptet, nicht logisch konsistent ist.

Die kognitive Psychologie Kahnemanscher Prägung zeigt zwar, wie das Entscheidungsverhalten von Individuen in der Praxis nicht funktioniert. Sie hat aber keine Alternative im Sinne einer geschlossenen Theorie dazu, wie es tatsächlich operiert. Angesichts eines fehlenden geschlossenen theoretischen Gegenentwurfs ist es kein Wunder, dass die betroffenen Theoretiker und Praktiker – also angesichts einer kritischen Nicht-Theorie – unerschütterlich mit dem arbeiten, das sie haben, auch wenn es offenbar falsch ist. Denn sie benötigen eine Theorie. (Wie sollen sie ansonsten ihre Formeln „zimmern“? Was sollen sie zukünftig in ihre voluminösen BWL- und VWL-Lehrbücher schreiben? Welchen Stoff könnten sie in Zukunft bei ihren Ökonomie-Studenten abprüfen?) Mit verstreuten Befunden und unzusammenhängenden negativen Signalen lässt sich kein nutzbares alternatives Gesamtbild wirtschaftlichen Handelns konstruieren.

Was fehlt?

Zur Beantwortung dieser Frage lohnt es sich, kurz auf den „Zustand“ der Psychologie als empirisch-wissenschaftliche Disziplin zu blicken. Schon seit Jahrzehnten – so habe ich sie bereits in den achtziger Jahren im Studium kennengelernt – beklagen Vertreter des Fachs eine Theorie-Krise der Psychologie. Die Entwicklung geschlossener Theorien ist nicht die Stärke psychologischer Forschung. Stattdessen dominieren in psychologischen Forschungsfeldern isolierte Hypothesen und verstreute, eklektizistische Erklärungsansätze.

Beispiel: In der Sozialpsychologie habe ich mich mit Balance-„Theorien“ beschäftigt. Dabei handelt es sich um Einstellungs-„Theorien“, die versuchen zu erfassen, warum und unter welchen Umständen Menschen ihre Einstellungen ändern. Diese „Theorien“ behaupten, dass Individuen vor allem konsistente und widerspruchsfreie Bewusstseinszustände erstreben. Einstellungs-Dynamiken werden deshalb mit Hilfe eines hypothetischen menschlichen Hangs zum Fokussieren auf Harmonie und Balance erklärt. Dummerweise gibt es im gleichen Feld der Psychologie auch eine „Dissonanz-Theorie“, die alles damit erklärt, dass Individuen vor allem auf Dissonanzen und Disbalancen blicken.

In der Sozialpsychologie werden scheinbar völlig widersprüchliche Hypothesen genutzt, um die gleichen Phänomene zu erklären. Das irritiert den Betrachter, der im Methoden-Unterricht gelernt hat, dass Theorien aus Hypothesen aufzubauen sind, die logisch konsistent sind.

Entsprechende Irritationen löst in Details auch Kahnemans Text aus: Einmal leitet er aus seinen Untersuchungen ab, dass Aktienanleger über große Zeiträume möglichst keine Änderungen an ihrem Aktienportfolio vornehmen sollen, wenn sie optimale langfristige Renditen erzielen wollen. Weiter hinten im Buch kritisiert er, dass Anleger in Situationen zu spät auf sich verändernde ökonomische Daten reagieren, zu lange an ihren Aktien festhalten und diese nicht rechtzeitig abstoßen. Welche Aktien-Strategie ist nun die richtige – die stoisch-unerschütterliche oder die Veränderungen zügig nachvollziehende?

Black Boxes sorgen für Intransparenz.

Woher kommen diese Widersprüchlichkeiten? Meiner Meinung nach hängt dies vor allem mit der merkwürdigen „individualistisch-behaviorischen“ Perspektive dieser kognitiven Psychologie zusammen. Kahneman und seine Kollegen „reißen“ ihre Probanden in ihren Betrachtungen und Experimenten aus Lebensumständen heraus und betrachten ihre Kognitionen in künstlich isolierten Entscheidungs-Situationen als „Black-Boxes“.

Erläuterung: Kahneman steckt seine Beobachtungsergebnisse wie gesehen in zwei schwarze, von außen gesehen „intransparente“ Kisten. Die eine Box nennt er „System 1“ und die zweite „System 2“. Die Undurchsichtigkeit dieser Kisten erkennen wir daran, dass Kahneman keine Aussagen darüber macht, aus welchen Komponenten diese „Systeme“ bestehen oder gar dazu, in welchen Beziehungen ihre Teile und Subsysteme stehen, welche Strukturen sie dabei bilden, in welche Prozesse diese Boxen involviert sind, welche Mechanismen in ihnen wirken und so weiter. Alles Dinge, die ein empirischer Forscher erklären muss, wenn er im methodologisch angemessenen Sinn von „Systemen“ spricht.
Kahneman erforscht in seinen Experimenten und deren Auswertungen offenbar keine Systeme, sondern gibt sich mit Hinweisen auf „intransparente“ Bewusstseins-Prozesse zufrieden, die er aus einer Außenperspektive heraus anhand zweier Begriffe zu klassifizieren sucht.

Die diesen Prozessen zugrundeliegenden empirischen Systeme kennt Kahneman nicht – er macht lediglich Andeutungen.

Jeder Denk-Prozess basiert auf neuronalen Prozessen. Das weiß Daniel Kahneman natürlich – an der einen oder anderen Stelle versucht er deshalb, Befunde aus der aktuellen neurophysiologischen Forschung in Zusammenhang mit seinen Untersuchungs-Ergebnissen zu bringen. Erklären kann er seine Befunde nach Kriterien der empirisch-wissenschaftlichen Forschung dadurch allerdings nicht – er entwickelt keine neuro-kognitive Theorie oder Ähnliches.

Drei_Systeme

Das „dritte System“ fordert seinen Anteil ein.

Zwischenergebnis: Aus meiner Sicht liegt der Grund dafür, dass Kahneman keine geschlossene Theorie des menschlichen Entscheidungsverhaltens vorlegen kann, in seiner individualistischen Ontologie (die übrigens auch für ökonomische Theorien typisch ist) und seiner empiristisch-behavioristischen Methodologie begründet.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Damit möchte ich seine Befunde und die Vielfalt der von ihm zusammengetragenen Verhaltensphänomene in Entscheidungssituationen nicht verwerfen oder wegkritisieren. Im Gegenteil: Ich frage mich, wie ich seine Ergebnisse in eine Perspektive übernehmen kann, in der ich maximalen Erkenntnis-Nutzen aus ihnen ziehe. Und zwar indem ich mir vergegenwärtige, was er systematisch ausgelassen hat … also indem ich nun analysiere, was fehlt und indem ich, überlege, wie es zu ergänzen ist.
Um es kurz zu machen: Es gibt ein „drittes System“, das Kahneman nicht explizit erwähnt, dessen Berücksichtigung aber die gesuchte Gesamtperspektive möglich macht.
Ich sage bewusst „explizit“ – denn „implizit“ kommt dieses System in seinem Buch ständig vor. Kahneman macht laufend Hinweise darauf, ohne es direkt anzusprechen und ohne diesem System in seinen Untersuchungen Raum zu geben.

Um es zu entdecken, müssen wir genau hinschauen, zwischen die Zeilen seines Textes. – Ich bin erst nach dem Hören des letzten Kapitels seines Buchs darauf gekommen – knapp zwei Tage Inkubationszeit brauchte mein Hirn. Da kam der Gedanke, als ich mich unvermittelt fragte:

Wer erzählt in Kahnemans Buch eigentlich diese Geschichte? Wer entwickelt eigentlich Kahneman unterhaltsamen Plot? System 1 oder System 2?

System 1 arbeitet im Dunklen, ist sich über seine Aktivitäten nicht selber bewusst – System 2 ist faul, angestrengt und schnell müde. Beide fallen als mögliche Denk- und Erzähl-Instanzen aus – das eine Denken „kann“ nicht, das andere „will“ nicht. – Aber Kahnemans Denken sprudelt in seinem Buch locker vor sich hin. Also: Wer spricht da?
Es gibt da ein „munteres“ weiteres „Denk-System“ – ein System 3. Was ist es? Schauen wir genau hin:

Da verläuft ein simulierter Dialog zwischen dem Autor Kahneman und seinem Leser. Er spricht den Leser laufend direkt an und motiviert zum weiteren Begleiten durch die anregende Geschichte seiner Forschungen und seiner Freundschaft zu Amos Tversky, seinen Gesprächen mit ihm. Laufend fließt außerdem Kahnemans Diskurs mit anderen Wissenschaftlern ein, die Auseinandersetzungen mit seinen Auftraggebern, mit Mitarbeitern aus Fond-Gesellschaften usw.

Also: Das dritte System ist das reale Interaktionssystem, das Kahneman im Rahmen seines Arbeitslebens um sich herum aufgebaut hat. Hier ist er zu seiner einmaligen Positionierung gekommen: Nobelpreisträger für Ökonomie, der kognitive Psychologe, der stets diese „seltsamen“ Fragen stellt, Probanden mit Entscheidungen zu prozentualen Gewinnchancen quält, der Forscher, der Wirtschaftswissenschaftler in Verlegenheit bringt, ihr Grundparadigma „zerdeppert“ usw.

Der Begriff des Interaktionssystems leitet zu einem bemerkenswerten parallelen Feld der Psychologie: zur Kleingruppen-Forschung.

BalesKonzept Blog

(Vergrößern durch Klicken!)

Bei der experimentellen Erforschung von sozialen Interaktionssystemen war ein amerikanischer Wissenschaftler zeitgleich mit Kahneman und Tversky in Harvard mit ähnlichen „Denk-Phänomenen“ beschäftigt. Der Kleingruppen-Forscher Robert F. Bales ist bei seinen langjährigen Untersuchungen ebenfalls auf die gegenläufigen Orientierungen gestoßen, die Kahneman als schnelles, intuitives Denken auf der einen Seite und langsames, kontrollierendes Denken auf der anderen Seite charakterisiert hat. Bales hat dafür lediglich andere Bezeichnungen gewählt: Er spricht von emotionalen „Backward“-Orientierungen und kontrollierenden „Forward-Orientierungen“.

Nachdem mir diese Parallelität aufgefallen war, schaute ich mir Bales’ Beschreibungen dieser Orientierungen genauer an, um im Detail zu vergleichen. Mein Ergebnis: Seine Beschreibungen sind so nahe an Kahnemans Vorstellungen, dass sie damit austauschbar zu sein scheinen. Beide Forscher – Kahneman und Bales – sind offenbar parallel, auf ganz unterschiedlichen Wegen auf dieselben typischen Denk-Muster und Orientierungs-Alternativen gestoßen.

KahnemanBalesKompassBlog

(Vergrößern durch Klicken!)

Daraus schließe ich nun Folgendes:
Kahnemans Befunde können wahrscheinlich für komplexe sozial- und kommunikationswissenschaftliche Theorien nutzbar gemacht werden, wenn sie systematisch aus ihrer individualistischen „Sterilität“ gelöst werden. Dazu sind sie mit der Betrachtung des „dritten Systems“ kompatibel zu machen.

Dabei ist im Einzelnen zu prüfen, in welchen sozialen Systemen, Interaktionssystemen und Beziehungs-Konstellationen typischerweise welche der von Kahneman beschriebenen Entscheidungs-Mechanismen auftreten und welche individuellen und sozialen Prozesse dabei auftreten.
Zug um Zug ließe sich auf diese Weise eine Entscheidungstheorie entwickeln und anhand paralleler Hypothesenentwicklung und überprüfender Sozialforschung kontinuierlich ausbauen. Die bloß phänomenologischen Befunde der kognitiven Psychologie ließen sich so in eine empirisch-wissenschaftliche Theorie transferieren und damit nachhaltig nutzen.
Ohne diese Mühe – so befürchte ich – könnte Kahnemans Arbeit in wenigen Jahren in Vergessenheit geraten.

Wirtschaftswissenschaftler haben seine Befunde wie gesehen bereits unmittelbar vergessen und verdrängt, als ihnen die Unverträglichkeit mit ihren Grundparadigmen bewusst wurde.
Also voran mit: Schnellem Denken, langsamem Denken und gemeinsamem Denken.

Text, Grafik und Illustration: Heinz W. Droste

Beitrag als PDF-Datei herunterladen (klicken)

 

 

Literatur:

Bales, Robert Freed; Social Interaction Systems. Theory and Measurement; New Brunswick, London 2001

Bunge, Mario; Finding Philosophy in Social Science; New Haven, London 1996

Bunge, Mario; Social Science under Debate. A philosophical perspective; Toronto, Buffalo, London 1998

Bunge, Mario; The Sociology–Philosophy Connection – with a foreword by Raymond Boudon; New Brunswick, London 1999

Droste, Heinz W.; Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung; zwei Bände, Neuss 2011

Etzioni, Amitai; Jenseits des Egoismus–Prinzips. Ein neues Bild von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft; Stuttgart 1994

Kahneman, Daniel; Paul Slovic; Amos Tversky; Judgement under uncertainty: Heuristics and biaces; Cambridge 1982

Kahneman, Daniel; (Thinking, Fast and Slow; 2011) – Schnelles Denken, langsames Denken, München 2012

Mertens, Wolfgang; Gudrun Fuchs; Krise der Sozialpsychologie?; München 1978

 

Über den Autor
Heinz W. Droste hat an der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf, Soziologie, Psychologie und Philosophie studiert (M.A.). Mit einer Arbeit über Handlungs- und Systemtheorie promovierte er 1986 beim Soziologen Richard Münch.
Seit über 25 Jahren ist Droste als Kommunikations-Berater und Konzeptioner für Klienten aus Wirtschaft und Politik tätig. Darüber hinaus leitet er Projekte zur Erforschung von Innovations- und Kommunikationsprozessen in Wirtschaftsunternehmen und politischen Institutionen.
Droste hat bereits eine Reihe von Veröffentlichungen zur Konzeptionslehre und Kommunikationsberatung vorgelegt – darunter unter anderem Standardliteratur zur Finanzkommunikation – „Praktiker-Handbuch Investor Relations“ (2001); „Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung“ (2011); „PR Formel – Kommunikation als kreativer Prozess“ (2013).

Share