Mario Augusto Bunge, argentinischer Philosoph und Physiker, veröffentlicht im Juli diesen Jahres sein neues Buch „Medical Philosophy: Conceptual Issues in Medicine“. Ich hatte die Gelegenheit, eine ganze Reihe interessanter Kapitel dieses Buchs vorab zu lesen und durchzuarbeiten. Aufgrund dieses Einblicks möchte ich interessierten Lesern die Möglichkeit geben, sich vorab einen Eindruck von dieser Neuveröffentlichung zu verschaffen:

 

Bunges „Medical Philosophy“ im Überblick

cover thumbnailBei Bunges Buch handelt es sich wahrscheinlich um das erste medizin-philosophische Werk, das die grundlegenden Konzepte der Medizin systematisch analysiert und diskutiert.

Bunge beschränkt sich bei seiner Untersuchung nicht auf die Einzelaspekte, die in der Literatur sonst üblich ist – also nicht auf Themen wie die Diskussion des Krankheits-Begriffs oder die Methoden-Analyse der Durchführung klinischer Studien. Stattdessen untersucht er in seinem neuen Werk alle wichtigen Aspekte der biomedizinischen Forschung und Praxis:

  • die Natur der Krankheit
  • die Logik der Diagnose
  • die Entdeckung und Entwicklung von Medikamenten
  • das Design von Forschungs-Laboratorien und die Standards von klinischen Studien
  • die Gestaltung von therapeutischen Interventionen
  • die Dokumentation von Behandlungen und deren Ergebnissen
  • die moralischen Rechte und Pflichten von Ärzten und Patienten
  • die Kriterien wissenschaftlicher Medizin auf der einen und die Kennzeichen medizinischer „Quacksalberei“ auf der anderen Seite
  • das für den medizinischen Fortschritt wesentliche Ineinandergreifen von Grundlagenforschung und Anwendungsforschung
  • die soziale Position von Ärzten und Krankenpflege-Personal
  • die Aufgabe der medizinischen Soziologie
  • sowie die Notwendigkeit einer universellen medizinischen Versorgung der Bevölkerung

Der Aufbau des Buchs folgt dabei dieser Gliederung:

  • Vorwort
  • Einführung
    1. Traditionelle Medizin
    2. Moderne Medizin
    3. Krankheit
    4. Diagnose
    5. Medikamente
    6. Erprobungs-Verfahren
    7. Therapie
    8. Prävention
    9. Medizinische Ethik
    10. Wissenschaft, Technik oder Handwerk?
  • Anmerkungen
  • Glossar
  • Abkürzungsverzeichnis

Bunge spricht mit seinem Buch insbesondere Mitarbeiter des Gesundheitswesens, in diesem Umfeld arbeitende Consultants, Medizin-Soziologen, allgemein medizinisch Interessierte und Philosophen an, denen er beispielsweise für ihre Arbeit und Forschung anregende neue Perspektiven geben möchte.

 

Basisinformation zum Autoren

Professor Mario Bunge wurde im Jahr 1919 in Buenos Aires geboren. An der Universität von La Plata (Universidad Nacional de La Plata), Argentinien promovierte er im Fach Physik und wurde anschließend als Professor für theoretische Physik und der Philosophie tätig. Im Jahr 1966 kam er zur McGill University, wo er die John Frothingham-Professur übernahm. Im Jahr 2009 im Alter von 90 Jahren zog sich Mario Bunge von der Lehre zurück. Auch danach unternimmt er noch Vortragsreisen – wie beispielsweise 2011 nach Peking, China (Bericht zum Nachlesen hier!) – und bleibt weiter als Buchautor aktiv. Im Laufe seiner akademischen Karriere übernahm er in zahlreichen Ländern Gastprofessuren – unter anderem in den USA, in Dänemark, Deutschland, Italien, Mexiko, der Schweiz und Australien. Professor Bunge wurden 19 Ehrendoktorwürden sowie vier Honorarprofessuren verliehen. Er ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften und ein Prinz von Asturien-Preisträger. In der „Hall of Fame“ der American Association for the Advancement of Science (AAAS) ist er auf einem der vorderen Plätze positioniert (# 43). Er kann auf über 400 Publikationen zurückblicken und hat mehr als 80 Bücher – etwa über Quantentheorie, Wissenschaftstheorie, Semantik, Erkenntnistheorie, Ontologie, Ethik, politische Philosophie und Wissenschafts-Politik – verfasst.

 

Mario-Bunge

 

Blick in Bunges „Medical Philosophy“: Ausgewählte Details

Vorab bemerkt: Mario Bunge ist in der deutschsprachigen Medizin kein Unbekannter: An seinem Begriff der „Iatrophilosophie“ (griechisch: ιατρικη – iatrikäh – Heilkunde – iatrik) orientierte sich bereits in der Vergangenheit die methodologische Diskussion der medizinischen Praxis (vgl. Rudolf Seising, Medizinische Universität Wien, Institut Medizinische Statistik und Informatik: „Potentials of Medical Expertsystems, Project number: AB00158OFF).

 

Ein multidisziplinäres Modell menschlicher Gesundheit in Mario Bunges aktueller „Medizin-Philosophie“

Für mich als Soziologe ist Bunges systemische Grundperspektive und der damit verbundene „integrierende“ Blick auf gesund- oder krankmachende Prozesse in unserer Umgebung besonders interessant.

In diesem Zusammenhang greift Bunge in seinem neuen Buch Forschungsergebnisse auf, die darauf hindeuten, dass Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen das bisher verbreitete Modell Gesundheits-relevanter Prozesse wenn nicht revolutionieren, so doch wesentlich erweitern müssen. Warum?

Wenn wir es ein wenig provokativ ausdrücken, sehen konservative Schulmediziner den Menschen weitgehend losgelöst von „Psycho- und Sozio-Klimbim“. Ihr Fokus liegt auf dem organisch-chemisch-physischen Komplex der menschlichen Existenz.

Dagegen macht Bunge den Vorschlag, naturalistische und tendenzweise empirizistische Denkweisen in einer neuen medizinischen Perspektive aufzuheben. Er schlägt dazu vor „Bottom up-Mechanismen“ und „Top down-Mechanismen“ der menschlichen Gesundheit zu unterscheiden und in ein Gesamt-Modell zu integrieren.

So wird es möglich, ineinandergreifende organisch-chemisch-physische Prozesse und sozio-psycho-neuro-biologische Vorgänge parallel zu betrachten, zu erforschen und durch neuartige Theorien erklärbar zu machen.
Vereinfacht dargestellt ergibt sich damit folgendes Bild von Bunges multidisziplinärer Perspektive (durch Anklicken vergrößern):

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Bunge weist unter anderem auf die in Großbritannien durchgeführten, sogenannten Whitehall-Studien hin. Diese Untersuchungen haben gezeigt, dass sozialer Stress am Arbeitsplatz maßgeblichen Einfluss auf Gesundheit und Lebenserwartung haben (durch Anklicken vergrößern):

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Bunge tangiert ärztliches Selbstverständnis.

Mario Bunges neues Buch spricht weitere Themen und Aspekte an, die das ärztliche Selbstverständnis direkt tangieren.

Stichpunktartig wird in der Folge eine Reihe dieser „sensiblen“ Themen aufgelistet:

 

 

Fazit – Die philosophische Perspektive gibt Medizinern Orientierung für Gegenwart und Zukunft!

  • Bunge zeigt auf, welche Konzeptionen, Werte und Standards Mediziner Disziplinen-übergreifend verbinden.
  • Er macht bewusst, woher Mediziner diese Standards beziehen, worin diese ihre Grundlage haben.
  • Er bringt auf den Punkt, welche Kompetenz medizinische Parktiker im Laufe von Jahrhunderten entwickelt haben – zeigt, was der ärztliche Berufsstand bereits bisher erreichen konnte.
  • Schonungslos zeigt er auch auf, welche gesellschaftlichen Prozesse und fehlgeleiteten ökonomischen Mechanismen diese schützenswerten Standards in der Gegenwart bedrohen.
  • Er schlägt eine multidisziplinäre Perspektive vor, aufgrund derer diese Gefahren in Zukunft bewältigt werden können.

 

Geschichtsschreibung – Der Blick in die Geschichte medizinischer Praxis stärkt ärztliches Selbstverständnis:

  • Im Rahmen seiner wissenschaftstheoretischen Analyse der Geschichte unserer medizinischen Disziplinen arbeitet Bunge die engen Verbindungen moderner Medizin zu den Erfolgen der modernen empirischen Naturwissenschaft heraus.
  • Er zeigt, dass die Medizin eine der heilbringendsten „Früchte“ der neuzeitlichen Aufklärung und des Humanismus ist – Medizin als Ergebnis der fortschrittlichen Moderne und des positiven „Scientismus“, also der Überzeugung, dass wissenschaftliches Vorgehen die beste Methode ist, um zu verlässlischem Wissen über Gesundheit und Krankheit, über Diagnose und Therapie zu gelangen.

 

Medizin – Randvoll gepackt mit Philosophie:

  • Bunge analysiert die medizinische Domäne in vielen Details – angefangen beim Krankheitsbegriff, bei den methodologischen, praxeologischen und ethischen Voraussetzungen von Diagnose und Therapie.
  • Im Detail zeigt er, wie erfolgreich und beispielhaft sich die Medizin eine wissenschaftlich-realistische Ontologie zu Nutze machte und mit einer humanistischen Ethik verbindet.
  • Bunge ermutigt in seinem Buch medizinische Praktiker, dieses solide philosophische Fundament gezielt auszubauen.
  • Er ruft medizinische Praktiker darüber hinaus dazu auf, auf der Basis dieser Standards aktuell populäre „alternative Heil-Disziplinen“ als antiwissenschaftliche Pseudo-Medizin zu entlarven, statt diese „kampflos“ zu akzeptieren.

 

Grundlagenkritik – Empfehlung für eine Weiterentwicklung der medizinischen Standards:

  • Als Wissenschaftstheoretiker sieht sich Bunge berufen, eine Schwäche der medizinischen Disziplin bloßzulegen – diese sieht er in ihrer Tendenz zu naturalistischen und empirizistischen Orientierungen.
  • Hiermit verbunden sieht er die Gefahr, dass sich die Medizin von konsequenter Theoriebildung abwendet – andere naturwissen-schaftliche Disziplinen hätten im Vergleich wesentlich mehr an Theoriearbeit geleistet.
  • Bunge bringt diese Kritik mittels des Mechanismen-Begriffs auf den Punkt: Es geht um die konsequente Erforschung der Mechanismen im menschlichen Organismus, die Krankheiten auslösen und deren Erforschung und theoretische Erfassung die Grundlage ist, zukünftig neue Wege zur Heilung sicher zu ermitteln.
  • Er würdigt die „evidenzbasierte Medizin“ auf der Basis randomisierter und kontrollierter Tests als „Goldstandard“. Er mahnt aber an, dass es einen qualitativ überlegenen Standard gibt: den „Platinstandard“ von Therapien, die konsequent auf fundiertem theoretischen Wissen über biologische Mechanismen aufbauen.

 

Stimmen zum Buch

Der Verlag hat im Vorfeld der Produktion des Buchs eine Reihe von Kapazitäten aus einer Bandbreite von Forschungs- und Praxis-Feldern mit Bunges Manuskript konfrontiert und gebeten, für die Unterstützung des Buchhandels kurze „Reviews“ zu verfassen:

„Professor Mario Bunge surprises us once more with a lucid discussion of the philosophy of medicine … The insights gained will provide the reader with a more complete vision of the underpinnings of medical theory and practice…It is likely that one will find Bunge’s prose entertaining as well as enlightening.“
Ernesto L. Schiffrin
Professor of Medicine
McGill University, Canada

 

„Problems were well sorted out and evaluated in a lucid way. It became obvious that Bunge is an experienced writer and that he has an important and readable message. He takes a very clear critical position on various forms of alternative medicine.“
Erling Norrby
Professor of Virology
The Royal Swedish Academy of Sciences, Sweden

„Bunge brings to his treatment of the subject a familiarity with a vast range of the relevant literature regarding medical issues and his extensive expertise as a philosopher…His work is a clear and cogent treatment of fundamental issues. I enthusiastically recommend the publication of this brightly instructive book.“
Nicholas Rescher
Distinguished University Professor of Philosophy
University of Pittsburgh, USA

„Professor Bunge argues masterfully that physicians, whether or not they are aware of it, operate in the context of a philosophical framework, elegantly presented in this text, that has been influenced by centuries of thought…I recommend this enriching and provocative book broadly.“
Bradley L. Schlaggar
A. Ernest and Jane G. Stein Professor
of Developmental Neurology, in Neurology
Washington University in St. Louis, USA

„…With his brilliant and creative blend of ontological systemic materialism, epistemological realism, science based technology, and humanist ethics, Professor Bunge deals innovatively with the philosophical underpinnings of modern medicine…You will never think about medicine in the same way again.“
Carles Muntaner
Professor of Nursing, Public Health and Psychiatry
University of Toronto, Canada

„This book – the most recent reflections of a life spent in physics, philosophy, and other disciplines – introduces the reader to many familiar questions but puts a philosophical spin on them…This is a tour de force not to be missed by anyone who likes his or her medicine to be leavened with thought.“
Edward Shorter
Professor of the History of Medicine and Psychiatry
University of Toronto, Canada

„Reading the book by Professor Mario Bunge is a real intellectual experience, an exciting way to meet the fundamentals of clinical practice. His work is deep and clear, illuminating what we sense but do not know…Medical Philosophy is a milestone in medical thinking.“
Daniel Flichtentrei
Editor, IntraMed

„Through his cross-disciplinary philosophical perspective, Mario Bunge gives us physicians a clear orientation. Bunge does not confine himself to evidence-based medicine, the one centered in randomized controlled trials, i.e., our „gold standard.“ He proposes convincingly an even higher-quality measure: the „platinum“ standard, which is met by therapies that are not only experimentally validated, but also enjoy the support of the scientific knowledge of biological mechanisms.“
Dietmar König
Professor of Medicine
Director, Rheinische Orthopedic Clinic

 

Details zum Buch

Titel:

  • Mario Bunge: Medical Philosophy: Conceptual Issues in Philosophy

Verlag:

ISBN:

  • 9789814508940 (SC) / 9789814508957 (EB)

Umfang:

  • 300 Seiten

Preis:

  • 48 Dollar (US)

Veröffentlichungstermin:

  • 31. Mai 2013 (Singapore) / 31. Juli 2013 (international)

Vertrieb:

  • Über die Website des Verlags sowie über den Internetbuchhandel (Amazon usw.)
  • Preorder
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