Die Atomkraft in Deutschland scheitert vor allem an harten „moralischen Fakten“

 

Albert Einstein wird der Ausspruch zugeschrieben: „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu ändern als Atome zu spalten.“

Wie recht er damit hat, zeigt die Lage, in der sich das Thema „Nutzung der Kernenergie“ in diesen Tagen in der Bundesrepublik befindet.

Die Macht von Meinungen liegt vor allem in moralisch-ethischen Orientierungen, die hinter Meinungen stecken und Mechanismen mit enormer öffentlicher Wirkung in Gang setzen. Einer dieser Mechanismen ist beispielsweise öffentlich geäußerter Widerstand gegen Regierungsentscheidungen. Am heutigen Samstag beispielsweise werden wir in vielen großen deutschen Städten Anti-Atom-Kundgebungen mit breiter Kommunikations-Wirkung beobachten können.

 

Woher kommt diese Wirkung, die vermutlich entscheidenden Einfluss auf den morgigen Ausgang der Landtagswahlen in zwei Bundesländern haben wird?

Nehmen wir die Hintergründe einmal unter die Lupe:

Weder politische, soziale noch kulturell–wissenschaftliche Macht kommen ohne eine ethisch–moralische Begründung aus, wenn es darum geht, Ziele zu begründen. Die Erreichung der notwendigen »Anerkennungswürdigkeit « etwa von politischen Entscheidungen erfordert eine spezifische »kommunikative Macht«, so etwas wie die Einlösung eines übergeordneten sozialen Anspruchs.

Wie funktioniert diese kommunikative Macht?

Schauen wir uns das am aktuellen Beispiel der Diskussion der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland an:

Wie in vielen westlichen Ländern wurde die friedliche Nutzung der Kernenergie hier konträr diskutiert. In der Bundesrepublik verlief diese Diskussion allerdings besonders konfliktreich.

Die Kernkraft–interessierten Unternehmen – Kraftwerksbetreiber, Kraftwerksbauer und Technologieentwickler – reagierten auf Kritik aus der Bevölkerung, indem sie eine »kontrollierende« Haltung einnahmen. Das heißt, sie argumentierten mit betonter »technologischer Autorität«, legten Wahrscheinlichkeitsrechnungen zum Thema Störfallsicherheit und zum Eintreten des GAUs, des »größten anzunehmenden Unfalls«, vor.

Diese Argumentationsweise »verstörte« die breite Öffentlichkeit. Laien verstehen nichts von Wahrscheinlichkeitsrechnung, können den »Zahlenspielen « der Experten nicht folgen, vermuten intuitiv hinter »kleinen« Zahlen – insbesondere Ziffern weit hinter dem Komma – sich potenzierende Gefährdungen, während Wissenschaftler und Technologen »Zahlen–Räume« weit hinter dem Komma mit »gegen Null gehender Gefährdung« assoziieren.

 

Kernkraft-Industrie ohne kommunkative Kompetenz

Während die Wertorientierungen der Kernkraft–Industrie sich im Laufe der Debatte immer deutlicher im Bereich kontrollierender und selbstorientierter Einstellungen stabilisierte, polarisierte sich die Werthaltung der Öffentlichkeit im Bereich sozialer und kollektiver Orientierungen, die sich um Werte wie »Schutz der Gesundheit« und »Schutz der Gruppe« zentrierten. Statt auf diese Wertorientierungen einzugehen, versuchte die Kernkraft– Industrie in der Folge, ihre eigene Werthaltung in der öffentlichen Diskussion durch die massive Nutzung ökonomischer, politischer, sozialer und kulturell–wissenschaftlicher Macht gegen die Bevölkerung durchzusetzen.

Es wurden Werbekampagnen eingesetzt, unter anderem Kultusministerien und Schulen mit »atomaren Lehrmaterialien« versehen – beispielsweise mit Bausätzen zum »Basteln« von Miniatur–Reaktoren aus Plastik. Parallel versuchte die Industrie unter großem Aufwand durch Lobbyarbeit, politische Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Weiterhin versuchte sie, meinungsbildende Bevölkerungsgruppen zu öffentlichkeitswirksamen Bekundungen »pro Kernkraft« zu bewegen.

So wurden Vertreter der Naturwissenschaften von der Industrie engagiert, um »Belege« der Ungefährlichkeit deutscher Atomkraftwerke zu publizieren. Resultat war, dass sich die Atom–Industrie immer weiter entfernt von den sozialen Werthaltungen breiter Kreise der Bevölkerung positionierte. Sie trat weiter »autoritär–zentriert« auf, während sich die Bevölkerung immer stärker »gruppen–zentriert« positionierte und emotional verhielt.

Schließlich zeigten besonders engagierte Bevölkerungs–Gruppen im Rahmen von Großdemonstrationen ihre moralische Empörung zunehmend offen und aggressiv. Der Konflikt eskalierte.

Endergebnis war, dass sich in Deutschland eine dauerhaft polarisierte Wertorientierungskonstellation ausgeprägt und verfestigt hatte.

AKW-GAU in Japan bewirkt Kommunikations-GAU bei Merkel

Es erwies sich vor allem, dass die Wert–Tatbestände sich in Kommunikationsprozessen zu äußerst »harten Fakten« wandeln. Wertorientierungen erzeugen in einer Gesellschaft offenbar soziale Energien, die nicht durch den Einsatz ökonomischer oder politischer Macht kontrollierbar sind. Die deutsche Atomkraft– Industrie hatte dies übersehen und so keinen effektiven Dialog mit der Bevölkerung führen können. Grund für ihr Scheitern ist letztlich, dass ihren Kommunikations–Maßnahmen und ihrem Vorgehen deutlich die notwendige ethisch–moralische Legitimität fehlt.

Die aktuelle Situation lässt sich nun folgendermaßen analysieren. Im „Herbst der Entscheidungen“ des Jahres 2010 hat die Bundesregierung die bestehende gesellschaftliche Polarisierung übergehend die Laufzeitverlängerung alter AKWs beschlossen. Direkte Reaktion in der Bevölkerung war eine latente negative Spannung. Breite Bevölkerungskreise engagierten sich, als es zu symbolischen Widerstands-Aktivitäten etwa gegen die letzten Castor-Transporte kam.

Als es vor zwei Wochen durch das Erdbeben-Katastrophe in Japan zur dritten großen Kernkraft-Katastrophe der Menschheit kam, hat sich in der BRD parallel der kommunikative GAU vollzogen: Die Bundesregierung hat durch ihr wenig kompetentes Kommunikations-Verhalten die schon in der Gesellschaft viruellente Polarisierung dramatisch verschärft und einen machtvollen Widerstand gegen ihre Positionen und ihre Politik heraufbeschworen.

Am heutigen Tag ist noch nicht klar, welche Wirkungen die in Gang gesetzten Kommunikations-Mechanismen für die politische Stabilität in der Bundesrepublik haben werden. Die Ungeplantheit und Krisenhaftigkeit der nun demnächst ablaufenden Prozesse ist dadurch verursacht, dass politische Entscheider offenbar ohne sozialwissenschaftliche Kommunikations-Kompetenz arbeiten und Meinungsbildungs-Prozesse nicht managen können.

Wie die „Affäre Guttenberg“ vor einigen Wochen gezeigt hat, schätzt das deutsche Regierungs-Personal nicht die Vorzüge qualifizierten Sachverstands, insbesondere nicht empirisch-wissenschaftlichen Sachverstand – egal, ob eine wissenschaftliche Arbeit echt oder gefälscht ist.

Diese realitätsabgewandte Haltung wird nun sich offenbar tiefgreifend rächen.

 

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