Nachdem ich vor kurzem Daniel Kahnemans internationalen Bestseller Thinking, Fast and Slow“ gelesen und rezensiert hatte, griff ich als nächstes zu Harald Welzers „Selbst Denken“, das mir ein Bekannter aus der Öko-Szene empfohlen hatte.

Mein Gedanke war, dass ich durch Kahneman so tief im Thema „Denken“ eingearbeitet bin, dass ich von einem weiteren Buch zum Thema meinen Horizont um ein weiteres Stück erweitern könnte.

Ernsthafte Zweifel an der Begründetheit dieser Hoffnung kamen mir bei der Lektüre des Hardcovers spätestens auf Seite 223, wo Autor Harald Welzer zum ersten und einzigen Mal in seinem Werk so etwas wie eine formal strukturierte Theorie formuliert – das „Welzer’sche Doofen-Theorem“. Das geht ungefähr so:

Jede gesellschaftliche Untergruppe ist, was die Denk-Möglichkeiten ihrer Mitglieder angeht, folgendermaßen strukturiert:

20 % sind nicht-doof („intelligent“)
40 % sind halb-doof („durchschnittlich“)
40 % sind ganz-doof

Welzer: „Unter Professoren gibt es genauso viele dumme Menschen wie unter Polizisten, Putzfrauen oder Polsterern, und umgekehrt.“ – Neckisch diese Alliteration auf „P“ – da weiß jeder sofort, dass Welzer diese Textpassage effektvoll bei öffentlichen Lesungen einzusetzen plant.

Lacher sind hier vorprogrammiert.

Mir ist allerdings das Grinsen gefroren, als ich mich fragte:

„Zu welcher dieser Gruppen gehöre ich, wenn ich dieses Buch hier bis zur letzten Seite lese?“ – Am Ende dieser Buchbesprechung werde ich dringend eine Antwort hierauf geben.

 

Welzers Hirn leidet an Verschleiss.

Greenbrain

 

Vorher muss ich genauer unter die Lupe nehmen, was Welzer im Weiteren über das Denken und seine Möglichkeiten schreibt.

Doch bevor jemand in diesem Zusammenhang auf falsche Gedanken kommt:

Welzers Ansatz hat mit empirisch-wissenschaftlicher Diskussion nichts gemein. Es geht ihm nicht darum – wie dies etwa bei Kahneman der Fall ist – experimentell belegte Hypothesen über das Denken zu diskutieren und daraus nützliche Denktechniken zu entwickeln. Stattdessen konfrontiert der Autor von „Selbst Denken“ seine Leser mit persönlich gefärbten Vorstellungen zu den Denk-Kompetenzen menschlicher Wesen.

Dazu ein weiterer O-Ton – diesmal von Seite 248, wo Welzer darüber grübelt, warum er sich selbst im Alter von 15 ernster genommen hat als heute im Alter von 55 – also 40 Jahre später:

„Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Pubertät auf der Ebene der Gehirnentwicklung eine der vitalsten und reichsten Phasen darstellt: Niemals vorher und hinterher hat man ein schärferes Sensorium für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, für Wahrhaftigkeit und Lüge, für Klugheit und Dummheit. Dieses scharfe Unterscheidungsvermögen schleift sich ab, je mehr man zu wissen und zu verstehen glaubt, und im Ergebnis fühlt man sich plötzlich mit exakt dem einverstanden, was man damals richtigerweise für falsch hielt und gegen das man anzugehen bereit war.“

Man, man, man und nochmals man – dass Welzer sich angesichts einer seit Jahrzehnten äußerst befundreichen neurowissenschaftlichen Forschung traut, solche eigentümlichen Vorstellungen als ausgemachte Erkenntnisse darzustellen!

Demgegenüber können wir als wissenschaftlich belegte Tatsachen annehmen, dass sich unsere Hirne dadurch auszeichnen, dass sie „plastische“ neuronale Systeme sind – Verbindungen darin sind grundlegend flexibel und zwar lebenslang.

Anders als von Welzer behauptet, setzt das Erkennen und Beurteilen von faktischen und moralischen Tatbeständen ständiges Lernen – ständiges Neuverknüpfen von neuronalen Verbindungen im Hirn – voraus. Es ist also absurd, anzunehmen, dass Personen als Pubertierende treffend urteilen könnten und diese Kompetenz mit zunehmendem Alter durch eine Art „Hirnverschleiß“ verlören.

 

Welzer denkt auf höheren Ebenen.

Higher

 

Lohnt sich nach dieser Einsicht, noch weiter in das vorliegende Buch einzusteigen?

Machen wir einfach weiter: Jedem Denk- und Bewusstseinsprozess liegt ein paralleler Prozess im neuronalen System des menschlichen Hirns zugrunde – die Basis vom „Selbst Denken“ sind also Hirnprozesse. Mit Blick auf das vorliegende Buch muss ich feststellen, dass diese materiellen Grundlagen unseres Denkens den Autoren Harald Welzer nicht interessieren.

Dennoch – vielleicht ist an seinen Überlegungen dennoch etwas dran – möglicherweise etwas Höheres, Bedeutenderes als neurophysiologische Mechanismen, das den Leser interessieren könnte.

Gehen wir mit der Lektüre systematisch weiter:

Was ist überhaupt der Plot in Welzers Buch?

Der ist schnell umrissen:

Sein „Selbst Denken“ gliedert sich in zwei Hauptteile – Teil 1 geht von Seite 1 bis Seite 133, Teil 2 von Seite 133 bis Seite 293.

Teil 1 widmet sich der „Beschimpfung“ der Leser, Teil 2 wird deshalb eingeleitet mit den Worten „Das ist der Augenblick, an dem ich aufhören muss, Sie zu beschimpfen.“ – es beginnt die Phase der „moralischen Unterweisung“.

Worauf zielt der Autor ab?

Welzer setzt bei seiner Beschimpfungs- und Moral-Mission bei dem Faktum an, dass unsere Welt keine weiteren CO2-Emissionen mehr absorbieren kann und dass deshalb die Menschheit dringend auf weiteres expansives Wirtschaftswachstum verzichten muss. Wie Welzer es ausdrückt, es ist dringend von einer expansiven auf eine reduktive Kultur umzustellen, „vom Wachstum zur Kultivierung, vom Aufbau zum Ausbau“.

Teil 1 dient Welzer dazu, den Lesern im Detail ihre Verantwortung für die Schädigung der Umwelt sowie ihre Rolle für die möglichst effektive zukünftige Reduktion der Treibhausgasemission vor Augen zu führen.

Teil 2 dient dem Autoren dazu zu zeigen, wie die Leser durch die Schaffung eines moralischen Bewusstseins, durch „moralische Phantasie“ und durch das Nutzen von „moralischen Streckübungen“ dahin zu kommen, Wege zur CO2-Reduktion individuell zu ermitteln und zu beschreiten. Welzer möchte uns Leser ethisch verpflichten, uns ständig Gedanken darüber zu machen, ob wir nicht gerade wieder direkt oder indirekt die Luft „versauen“. Wir sollen uns in unserem Denken die Kultur der Umweltschonung als laufende Verpflichtung auferlegen und uns grundlegend emissionsverhindernd verhalten.

 

Welzer trinkt nicht gerne „Kraneberger“.

GlasWasser

 

Das hört sich recht ehrenwert und vernünftig an. – Doch funktioniert diese Pflicht-Ethik?

Wir brauchen Welzer lediglich anhand eines seiner eigenen Beispiele „beim Wort zu nehmen“, um diese Frage zu beantworten:

Einer seiner Umwelt-Pflicht-Vordenker ist der Unternehmer Peter Kowalsky, der eine besondere Limonade, die „Bionade“ auf den Markt gebracht hatte:

„Peter Kowalsky begann, Nachhaltigkeit offensiv zu thematisieren, und es gibt kaum einen Preis mit »öko« oder »bio« im Namen, der ihm im Laufe der vergangenen Jahre nicht verliehen wurde.“ (S. 266)

Für Welzer ist das Beispiel einer Limonade also ein wichtiges Lehrstück für seine pflicht-ethische Diskussion. Dass der Autor sein eigenes Pflicht-Ethik-Konzept damit ad absurdum führt, ist offensichtlich. – Oder?

Falls doch nicht und damit ich jetzt endlich selbst denke, liste ich auf, warum das so ist:

Wenn es zukünftig darum geht, konsequent auf unnötige CO2-Emissionen zu verzichten, haben wir unser bisheriges Konsumverhalten radikal zu verändern. Statt mit dem Auto zum Supermarkt zu fahren, um kistenweise in Flaschen gezogenes Getränk zu kaufen, bleiben wir zu Hause und bedienen uns aus dem Wasserkran.

Was da heraus kommt, hat manches Mal eine höhere Qualität, als das, was in Super- und Getränkemärkten an industriell aufbereitetem H2O angeboten wird. Wenn wir dieses Industrie-H2O nicht kaufen, industriell gefertigte Erfrischungsgetränke immer weniger nachgefragt und produziert werden, entfallen CO2-Emissionen im Rahmen von Logistik, Verpackungsherstellung, Lagerung, Betreibung eines Pfand-Glasflaschen-Systems, Produktion und Recycling von Pfand-Kunststoffflaschen sowie von Kunststoff-Einwegflaschen usw. Natürlich werden dadurch noch viele weitere Ressourcen eingespart.

Jemand, der eine „Bio-Limonade“ auf den Markt bringt, setzt den falschen Impuls. Denn er bringt insbesondere Konsumenten, die an biologisch-sensibler Produktion von Nahrungsmitteln und an ökologischer Nachhaltigkeit interessiert sind, dazu, etwas zu konsumieren, das ihrem eigentlichen Interesse an der Schonung der Umwelt widerspricht – sie trinken H2O mit Geschmack und Zucker, das im Vergleich zu Kranwasser über eine erbärmliche Ökobilanz verfügt.

 

Pflichtethiken taugen nicht zur Gestaltung einer besseren Zukunft.

Was folgt aus diesem Beispiel: Pflichtethiken wie die von Harald Welzer haben grundlegende Schwächen.

Eine davon haben wir uns gerade angesehen: Sie klären nicht deutlich genug, was richtig ist und wie wir uns in konkreten Situationen korrekt zu verhalten haben.

Diese Ethiken bewerten vor allem die Gesinnung von Menschen – loben wie gesehen gedankenlos umweltbelastende Konsumprodukt-Ideen -, bewerten deren Ethos nicht danach, welche Konsequenzen ihr Handeln hat.

Welzer scheut sich nicht, sein Ignorieren von Handlungskonsequenzen deutlich einzugestehen. Entsprechend formuliert er die Regel 10 auf der letzten Seite seines Buch (S. 293) zur Gewissenentlastung der Leser: „Sie haben keine Verantwortung für die Welt.“

Denn das Einüben der richtigen Gesinnung, die moralische „Streckung“, das ist es, worum es in „Selbst denken“ geht – nicht darum, systematisch darüber zu reflektieren, wie es uns gelingen kann, konkret an der „Formel“ für Klimagas (CO2 = P . GDP . gini . (1 – ς) . TMR)* zu arbeiten, um CO2-Emissionen tatsächlich einzuschränken.

Fazit: Die moralische Mission des Buchs ist gescheitert.

 

Welzers Leser sind „viertel-doof“.

Nun komme ich noch einmal zurück auf die Frage, die ich zu Beginn gestellt habe, und damit auf Welzers „Doofen-Theorem“.

Nachdem ich Harald Welzers Buch von vorne bis hinten gelesen habe – für wen muss ich mich jetzt eigentlich halten?

Für einen der 20% Nicht-Doofen, einen der 40% Halb-Doofen oder einen 40% Ganz-Doofen meiner sozialen Schicht?

Nach kurzer Überlegung habe ich folgende Antwort:

Gehörte ich zu den Nicht-Doofen, hätte ich vor der Lektüre geblättert, hätte die letzte Seite gelesen und wäre auf die Regel 10 gestoßen (Sie haben keine Verantwortung für die Welt.). Ich hätte gedacht, wenn nach 293 Seiten egal ist, was ich tue, und ich keine Verantwortung übernehmen brauche, ist mir auch das Buch egal. Ich hätte es zur Seite gelegt und nicht weiter beachtet.

Gehörte ich zu den Ganz-Doofen, würde ein Titel wie „Selbst-Denken“ mich wahrscheinlich weder begeistern oder zum Lesen motivieren. Hörte sich zu sehr nach Anstrengung und angesichts beschränkter Kompetenz nach höchst ungewissem Erfolg an.

Ich gehöre also am ehesten in die Gruppe der Halb-Doofen. Das versetzt meinem Selbstwertgefühl einen gewissen Stich. Lieber hätte ich zu den oberen 20 % gehört. Mist!

Doch zwei Dinge trösten mich:

1. Meine Halb-Doofen-Gruppe ist groß. Geteilte Doofheit ist vielleicht halbe Doofheit. Da wir von Anfang an ja nur halb-doof sind, können wir uns gemeinsam zur Viertel-Doofheit aufschwingen.

2. Und wenn ich alt bin und meine Geistesstärke noch weiter abnimmt, falle ich nicht direkt aus dem System. Ich kann in die untere Liga absteigen und da einen glücklichen, unbedarften Lebensabend verbringen.

 

Details zum Buch:

Harald Welzer; Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand; März 2013; 336 Seiten, ISBN-13: 978-3100894359

 

*: Erläuterung der Klima-Formel:

Diese provisorische Formel für das Volumen der weltweit auftretenden CO2-Emissionen nach Bunge/Wilkinson bietet eine grobe Übersicht über die Problemlage. Sie zeigt aber schon recht deutlich, welche schmerzhaften Einschnitte wir hinnehmen müssen, um das Klimagas schnellmöglich in den Griff zu bekommen:

 

CO2 = P . GDP . gini . (1 – ς) . TMR

Folgende Faktoren bestimmen demnach den Ausstoß von Klimagas:

P = Population – Größe der Bevölkerung

GDP = Gross domestic product – Produkte und Dienstleistungen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums hergestellt werden – Indikator des Lebensstandards einer Bevölkerung

gini = Der Gini-Koeffizient – statistisches Maß für die Einkommens-Ungleichverteilung in einer Bevölkerung

ς = Spar-Rate s (savings rate) – Indikator für die Verbrauchs-Gewohnheiten einer Bevölkerung, insbesondere deren Tendenz durch sorgsamen Umgang mit Energie, dem Meiden des Einkaufs von Wegwerfartikeln, dem Meiden des Betriebs ressourcenverschwendender Vehikel (z.B. von SUVs) usw. zu sparen

TMR = Technologische Ineffizienz-Rate (total material requirement) – ein Indikator dafür wieweit beispielsweise erneuerbare Energien eingesetzt werden, um den Verbrauch fossiler Energien zu drosseln

 

Starten wir unser Selberdenken, indem wir folgende Fragen beantworten:

Wie erreichen wir schnellstmöglich

  • eine Drosselung des Wachstums unserer Bevölkerung?
  • parallel eine Drosselung des Konsums und einen Verzicht auf für das Überleben nicht notwendiger Lebensstandards?
  • die Behebung der ökonomischen Ungleichheit in unserer Bevölkerungen, die mit enormen Kosten verbunden ist (Verbindung CO2-Ausstoß und Ungleichheit siehe Wilkinson 2009)?
  • die Erhöhung der laufenden Einsparung von Energie und Ressourcen?
  • und die Verringerung der technologischen Ineffizienz?

 

Literatur:

Bunge, Mario; „Climate and Logic“, in: Mario Bunge, Evaluating Philosophies; Dortrecht, Heidelberg, New York, London; 2012 (S. 57 – 59)

Wilkinson, Richard; Kate Pickett, The Spirit Level. Why More Equal Societies Almost Do Better; London 2009

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