Sherlock und WatsonAudio Verlag startet „Sherlock & Holmes“-Hörspielreihe – Rezension

Sherlock Holmes ist wieder da! Sogar jünger, schneller und brillanter als je zuvor!“

Das behauptet zumindest der Audio Verlag, der den Regisseur Leonard Koppelmann engagierte, um als künstlerischer Leiter die Hörspielreihe „Sherlock & Watson – Neues aus der Baker Street“ zu produzieren.

Pünktlich nach Abschluss der diesjährigen Frankfurter Buchmesse werden am 23. Oktober 2015 die ersten beiden Folgen „Das Rätsel von Musgrave Abbey“ und „Ein Fluch in Rosarot“ erscheinen. Und im Frühjahr 2016 folgen dann mit »Die Spur des Teufels«, »Der Somerset-Fall« und »Der letzte Tanz« bereits drei weitere Fälle.

Was können Liebhaberinnen und Liebhaber von Sherlock-Holmes-Krimis von der neuen Hörspielreihe erwarten?

Da ich die Gelegenheit hatte, die beiden Startfolgen vorab zu hören, kann ich dazu Einiges berichten. Doch Vorsicht: Mein Urteil ist begründet aber gewiss auch subjektiv gefärbt. Denn seit meiner Kindheit habe ich mich immer wieder mit den Original-Texten von Sir Arthur Conan Doyle beschäftigt – in deutscher Übersetzung, in Originalsprache, in Form von Büchern, Hörbüchern usw. Und eine ganze Reihe von Verfilmungen der Holmes-Abenteuer habe ich natürlich obendrein konsumiert.

Aus TV-Produktionen bekannte Schauspieler

Zunächst zur Produktion der aktuellen Hörspiele: Die beiden Hörspiele profitieren vom prominenten Sprecher-Personal: Sherlock Holmes wird verkörpert durch die Stimme von Johann von Bülow, Dr. Watson durch die von Florian Lukas, Inspektor Lestrade durch die Stimme von Peter Jordan. Weitere an der Produktion beteiligte, durch das Fernsehen bekannte Schauspieler und Schauspielerinnen sind u.a. Udo Schenk, Hansi Jochmann. Die Hörspiele sind aufgrund dieser bekannten Stimmen für ein großes Publikum gewiss recht attraktiv.

Titel der Folgen erinnern an das literarische Vorbild.

Kommen wir zum Inhalt der dialogisch inszenierten Kriminalgeschichten: Die Titel der ersten beiden Folgen deuten auf zwei bekannte Original-Veröffentlichungen von Sir Doyle: Die erste Folge „Das Rätsel von Musgrave Abbey“ lässt an Doyles „Das Musgrave-Ritual“ denken, eine erstmals im Mai 1893 im Strand Magazine veröffentlichte Geschichte. Bei der zweiten Folge „Ein Fluch in Rosarot“ soll der Hörer offenbar an das erste literarische Auftreten von Meisterdetektiv Sherlock Holmes denken: „Eine Studie in Scharlachrot“, den Roman der 1887 im Magazin Beeton’s Christmas Annual als Titelgeschichte erschien. – Übrigens: Es irritiert, dass der Verlag die korrekte Reihenfolge nicht einhält – erst sollten die Charaktere vorgestellt werden und Dr. Watson bei Holmes in die Baker Street einziehen, was vom Audio Verlag erst zum Thema der zweiten Hörspielfolge gemacht wird.

Das Marketing-Konzept der Hörspielserie: Von Millionen-Erfolgen der TV-Branche lernen!

Trotz dieser literarischen Anlehnung der Hörspiel-Titel haben die Geschichten aus dem Audio Verlag wenig mit den literarischen Vorbildern zu tun. Es macht den Eindruck, dass stattdessen gezielt andere Vorbilder genutzt wurden.

Vorbild Nr. 1: Der Einstieg in das zweite Hörspiel „Ein Fluch in Rosarot“ ähnelt sehr stark dem Beginn der ersten Folge der erfolgreichen britischen TV-Produktion „Sherlock“: Dr. Watson kommt als traumatisierter britischer Soldat aus Afghanistan zurück, sucht eine Wohnung, kommt durch die Vermittlung eines Bekannten in Kontakt mit Sherlock, mit dem er sich anschließend eine Bleibe in der Baker-Street teilt. Jemand hat Watson empfohlen, sein Kriegstrauma zu bearbeiten, indem er mit Hilfe seines Computers einen Weblog einrichtet und seine Erlebnisse dort laufend dokumentiert. Sowohl in der TV-Serie als auch in den Hörspielen ist der Erzähler der inszenierten Story jeweils Dr. Watson, der die Kriminalhandlung in seinen Laptop eintippt. Hörspiel und TV-Produktion gleichen sich dadurch in der Art des Erzählens soweit an, dass flüchtige Hörer das Hörspiel für eine Imitation der „Sherlock-Serie“ halten können.

Vorbild Nr. 2: Launige Dialoge nehmen einen breiten Raum in den beiden ersten Hörspielen ein – Highlights sind die Szenen, in denen Sherlocks Holmes Inspektor Lestrade stets besonders respektlos und großmäulig entgegentritt und diesen mit Spott übergießt. Der revanchiert sich, indem er beispielsweise Holmes und seinem Mitbewohner Dr. Watson eine sexuelle Beziehung unterstellt. Kurz gesagt: Dies ähnelt stark den verbalen, die Grenzen des guten Geschmacks auslotenden Auseinandersetzungen, die dem Münsteraner Tatort zu besten Quoten zeitgenössischer deutscher Fernsehserien verholfen haben. Wer Gefallen an den Gefechten von Thiel, Boerne und dessen Assistentin „Alberich“ findet, wird wahrscheinlich auch die verbalen Umgangsformen von Hörspiel-Holmes und Hörspiel-Lestrade mögen.

Fazit: Ab jetzt hat Inspektor Lestrade das Sagen.

Es zeugt gewiss von klugem Marketing, von erfolgreichen Serien zu lernen und zu versuchen, deren Potenzial in ein anderes Medium – das des Hörspiels – zu übertragen (Wie sagen die Werbeagenturleute hinter vorgehaltener Hand so schön: „Besser gut geklaut, als schlecht selber gemacht!“). Dadurch verspricht das Konzept vom Audio Verlag bei vielen Hörern zu wirken und Vergnügen zu bereiten – ein kommerzieller Erfolg erscheint absehbar.

Doch wie werden das eingefleischte Sherlock Holmes-Fans sehen? Antwort mit kurzer Rückbesinnung: Doyle hat mit Sherlock Holmes eine überragende Detektivgestalt entwickelt, die den Leser durch seinen wissenschaftlichen Realismus und seine großen analytischen Fähigkeiten überzeugt und fasziniert. Holmes ist der Polizei seiner Zeit insbesondere dadurch überlegen, dass er systematisch naturwissenschaftliche Methoden nutzt. Auf der Basis dieser Überlegenheit kommt er eins ums andere Mal seinem Konkurrenten Lestrade beim Lösen verwickelter Fälle zuvor.

Beim Hörspiel-Holmes ist von dieser Konstellation kaum etwas geblieben. Holmes ist nicht mehr der Konkurrent Lestrades, stattdessen ist der Inspektor sein Auftraggeber. Wie ein Freelance-Ermittler, der fallweise von einer Zeitarbeitsfirma zum Auftraggeber Scotland Yard geschickt wird, wickelt der Detektiv aus der Baker Street die Kriminal-Jobs ab, die ihm übergeben werden. Eigene forensische Untersuchungen macht Holmes deshalb nicht mehr – seine Reagenzgläser stehen verstaubt in einer Ecke eines Zimmers. Der Detektiv bekommt seine Spurensicherungsbefunde stattdessen vom Polizeilabor des Yards frei Haus geliefert. Auch das Tempo der Ermittlung gibt Holmes nicht mehr vor – Lestrade ist der Chef und er ist derjenige, der in den Hörspielen das schnelle Lösen der Fälle einfordert. Wie Holmes und Watson diese ermitteln, will er gar nicht so genau wissen. Lestrade hat – wie er ständig erwähnt – andere Dinge zu tun. Welche, erfährt der Hörer allerdings nicht.

Die Fälle, die Lestrade an den Hörspiel-Holmes abtritt, sind übrigens im Vergleich zu den Original-Mysterien, die der originale Sherlock Holmes bei Sir Doyle in Angriff nimmt, recht schlicht, gleichen eher den Detektiv-Aufgaben beispielsweise der „Drei Fragezeichen“ oder gar der „Fünf Freunde“.

Fazit: Der Original-Holmes wäre der Situation, wie sie in den Hörspielen dargestellt wird, kaum gewachsen. Befehlsverhältnis und fehlende eigenständige wissenschaftlich-analytische Herausforderung würden ihn wahrscheinlich binnen kurzem jedes Selbstvertrauens berauben und in tiefste Depression führen. Die nächste – vielleicht die endgültige Phase – seines regelmäßigen Versinkens in den Morphium-Rausch wäre zu befürchten – wer kann es ihm verdenken?

6 von 10 Punkten für die Story
10 von 10 Punkten für die Sprecher
7 von 10 Punkten Gesamtwertung

Sprecher:
Johann von Bülow als Sherlock Holmes und Florian Lukas als John Watson und Stefan Kaminski

 

Beschreibung von Der Audio Verlag

Die neue Hörspielserie von DAV

Sherlock Holmes kehrt zurück und ist jünger, schneller und brillanter als je zuvor. Zusammen mit Watson, Kriegsveteran mit posttraumatischer Belastungsstörung und passionierter Blogschreiber, löst er Verbrechen im modernen London. Als Consulting Detective wird er von Scotland Yard zu Rate gezogen und erfreut sich schon bald steigender Beliebtheit. Nun tauchen auch Privatklienten in der Baker Street auf und bitten um Hilfe. Sherlock wird klar: Es ist ein und dieselbe böse Macht, die hinter den Verbrechen steckt und sie alle wie Marionetten dirigiert. Sie alle? Natürlich fordert Sherlock seinen Widersacher nun selbst zum Tanz heraus.

1 – Das Rätsel von Musgrave Abbey

Musgrave Abbey, vier Uhr früh am Morgen: Gerade hat die gefeierte Romanautorin Rebecca Westwood dem finalen Roman ihrer Bestseller-Serie den letzten Schliff verpasst, da dringen zwei Männer in ihr Haus ein und stehlen das wertvolle Manuskript. Auch Richard Brunton, der langjährige Assistent der Autorin, ist wie vom Erdboden verschluckt – steckt er in der Sache mit drin? Nur wenige Kilometer entfernt am renommierten St. Bradfield Heigths College: Der junge David Perry ist aus seinem Zimmer entführt worden, und der Direktor des Internats weiß sich keinen Rat. Er bittet Sherlock & Watson um Hilfe (und um Diskretion). Der Vater des Jungen, der Schulgärtner Jordan Perry, gibt sich bei der Befragung seltsam zugeknöpft und verlangt, die Polizei aus dem Fall herauszuhalten. Sherlock wird misstrauisch: Was hat Jordan Perry zu verbergen? In der ersten Episode »Das Rätsel von Musgrave Abbey« werden die beiden Freunde tief hinein in die Machenschaften von Geheimdiensten und Untergrundorganisationen gezogen. Damit nicht genug, es meldet sich ein unbekannter Dritter zu Wort, und plötzlich scheinen die beiden unabhängig geglaubten Fälle miteinander in Verbindung zu stehen. Doch wer ist der Mann im Hintergrund? Welches Motiv verfolgt er mit seinen mysteriösen Anrufen? Eines ist klar, die Zeit läuft langsam ab und David Perrys Leben hängt nur noch an einem seidenen Faden… Ohren auf, liebe Sherlock-Fans, es gibt Neues aus der Baker Street: Sherlock & Watson ermitteln wieder. Modern wie nie, genial wie immer!

Sherlock & Watson. Neues aus der Baker Street. Die Entstehung der neuen Hörspielserie von DAV

Mit der Hörspielserie um Sherlock & Watson, die auf einer CD erschient, hat sich Der Audio Verlag auf neues Terrain vorgewagt. In Kooperation mit dem Team von artinhalt und unter der künstlerischen Leitung des renommierten Hörspielregisseurs Leonhard Koppelmann wurde die Idee zu einer modernen Sherlock-&-Watson-Hörspielserie geboren. Von der Idee bis zur Umsetzung ging viel Zeit ins Land: Gemeinsam mit den Autoren von artinhalt – Viviane Koppelmann, Felix Partenzi und Nadine Schmid – wurde so lange an den Hörspiel-Drehbüchern geschoben, gewackelt und gerückt, bis alles saß und Sherlock & Watson in neuem Glanz erstrahlten.

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